Es muss sein: nochmals John

Von ihm hatten wir es ja schon einige Male, da oder da. Und irgendwie ist noch nicht Schluss. Aber ist auch wirklich eine gute Geschichte. Also, es gibt hier auch eine John Rae Society, mehr dazu hier drüben. Aus dessen Vorstand habe ich in diesen Tagen Mark kennengelernt (die Society hat ein grosses Zelt, das wir für unseren Tag der offenen Tür an der Ausgrabung am nächsten Sonntag ausleihen können, und darüber kamen wir ins Gespräch). Die Society gibt es aus folgendem Grund: John Rae wurde als einziger der britischen Arktisforscher aus dem viktorianischen Zeitalter nicht zum Ritter geschlagen. Und hat keine Plakette oder Mahnmal, geschweige denn etwas Grösseres, in der Londoner Westminster Abbey, wo sonst liegt, was Namen und Range hatte – darunter eben auch Sir John Franklin, dessen Expeditionen im Norden Kanadas gescheitert waren und dessen Überreste dann Rae fand. Mark sagte, dass der «Sir» und die Anerkennung damals Rae vorenthalten wurden, weil die Witwe von Franklin – unter Mithilfe offenbar von Charles Dickens – nicht akzeptieren wollte (und da waren sie sicher nicht die einzigen), dass Franklins Mannen in der Not dazu übergingen, die gestorbenen Kollegen ins eigene Futter zu mischen. Christen essen keine Christen; aber die gefundenen Knochen waren aufgebrochen und wiesen Kratz- und Schneidspuren auf, die nicht von den einheimischen Inuit stammen konnten (was die britische Elite damals mit steifer Oberlippe zu behaupten beliebte), da diese damals nicht über Metallwerkzeuge verfügten. Und die Knochen stammten von Mitgliedern der Expedition, da sie ordentlich begraben wurden, mit den Tagebüchern als Grabbeigaben.

Nun, unabhängig davon, seit wann die Inuit Metall besitzen, auf alle Fälle setzt sich diese 2013 gegründete Society dafür ein, dass John Rae gerechter behandelt wird. Und das nicht ohne Erfolg: In der Westminster Abbey wurde vor drei Jahren eine kleine Gedenktafel an Rae angebracht (die Buchstaben sollen offenbar orkadischen Runen nachempfunden sein und der Sandstein ist dem der Kathedrale von Kirkwall ähnlich).

Dann hatten Mark und ich es ein wenig davon, dass Franklin, obwohl dann Rae die Nordwest-Passage schliesslich entdeckte, berühmter wurde. Der Kannibale kommt gut weg, währenddem derjenige, der den Kannibalen Kannibalen nennt, benachteiligt bleibt (Marks Einseifen hat genützt, merke ich grad). Dann machten wir noch unseren Literaturclub und besprachen «Barrow’s Boys», das diese Geschichte aufrollt. Und dieser Barrow (einer der Beamten in der britischen Admiralität, der seine Jungs in alle Welt, an die Mündung des Niger oder eben in die Arktis schickte) stammte aus Ulverston, einem Ort im Nordwesten Englands (Cumbria), an dem wir auch schon vorbeikamen. Und der Barrow hat sogar einen Turm gekriegt, obwohl die Mehrheit seiner Boys in der Ferne scheiterte und umkam, während er in warmer Londoner Amtsstube wahrscheinlich Stecknadeln in Weltkarten steckte.

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Und in Ulverston kam ein richtig Lustiger zur Welt (derjenige links):

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Der fand noch, kurz bevor er starb, die Kraft, seine Beerdigung folgendermassen zu organisieren: «Wer es wagt, bei meiner Beerdigung zu weinen, mit dem rede ich kein Wort mehr!»

Ob einige tausend Jahre zuvor die Menschen dort rund um Ulverston herum weinten, wenn jemand starb, weiss niemand. Aber die Zeugen ihrer Existenz stehen noch heute; der Swinside-Steinkreis ist ein schönes Zeugnis der jungsteinzeitlichen Zivilisation.

Swinside

Damit wäre der Bogen geschlagen zum neolithischen Herzen hier auf den Orkneys geschlagen. Das brauchte einen, zwei Taucher ins eigene Fotoarchiv.

PS. Suche den Büchel.

 

PS2. Wenn jemand ein gutes Rezept sucht, um die Küche/Wohnküche/Wohnung/Nachbarschaft/Stadt nachhaltig mit einem speziellen Geruch zu belasten, dann müsste ihr nur das tun, was ich am Samstag tat: Ihr nehmt zwei (oder mehr, wenn es um die Nachbarschaft geht) Filets geräucherten Schellfisches (Namensgeber für Haddock, der sich mit Tim und Struppi durch die Comics säuft). Diese brät ihr nach einem Rezept, das in einem lokalen Kochbuch zu finden war, 5 Minuten in ausreichend Butter. Dann giesst ihr einen halben Pint (aka Biermass für Damen) Milch dazu und lasst das 15 Minuten köcheln. Der Fisch kann dann raus, während die Sauce noch mit Mehl und etwas Senf gebunden wird. Schmeckt hervorragend und riecht ab dem nächsten Tag (bis etwa einen Monat vor dem jüngsten Gericht) abscheulich.

PS3. Wenn es rasch gehen muss, geht der Archäologe auch gerne mal mit gröberer Maschine dahinter. Scheint’s sei dieser Baggerführer da eine Legende auf den Inseln und könne so fein wie niemand sonst baggern.

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PS4. Und in der Schweiz? Zu jener Zeit, als diese Häuser hier im Ness of Brodgar gebaut und bewohnt waren, lebten die Menschen in der Schweiz vor allem an den Seeufern, teilweise in Pfahlbauten, züchteten Rinder und Schafe und Schweine. Und auch ein paar Gräber sind bekannt, sogenannte Dolmen; in Aesch oder Laufen hat es zwei, die wahrscheinlich gegen Ende der Steinzeit gebaut wurden. Wenige stehende Steine, Menhire, sind in der Westschweiz, im Neuenburger Jura und Wallis zu finden. Die sind aber längst nicht so beeindruckend wie diejenigen hier.

Und nun?

Hast du die Pneus gesehen? Wieviele waren das wohl?
Welche Pneus?
Magst du dich nicht erinnern? Look:

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Ja, gut, wie über jedem rechtem Futtersilo vor der Erfindung des rotierenden Graseinpackers. Und was ist darunter?
Geschichte. Die Ausgrabung eines Komplexes von Strukturen und Mauern, aus verschiedenen Epochen, übereinander und ineinander gebaut. 2003 zufällig entdeckt beim Pflügen. Seither in Etappen ausgegraben während jeweils zwei Monaten im Sommer. Die ältesten Strukturen sind rund 3300 Jahre vor Christus erbaut worden; rund 300 Jahre später kamen dann weitere Strukturen (eigentlich sind es Gebäude dazu, die jetzt ausgegraben werden) dazu sowie eine gigantische sechs Meter dicke Mauer darum herum. Aber 500 Jahre später ist es auch schon fast wieder vorbei, die grösste Struktur wird verlassen, aber nicht bevor sie mit Hunderten von Rinderknochen verziert wird. Eine Riesenabschiedsparty? Andere Gebäudeteile und Mauern werden wiederverwendet für andere Bauten. Und das alles im Herzen der Orkney-Inseln als Teil des Ensembles von Steinzeit-Denkmälern, das UNESCO-Weltkulturerbe ist.
OK, wenn ich die Pneus weghaben wollte, würde ich etwa 30 bis 50 Archäologinnen und Archäologen aus ganz Europa einladen, ein paar Masterstudenten und Postdocs dazu nehmen und den einen oder anderen Freiwilligen und den Gummi dann mal sauber stapeln. Ich würde auch schauen, dass einer der Masterstudenten ein Video davon macht und das würde ich dann auf Youtube stellen.

Und nach fünf Stunden mit Wasser und Rattenkot und trockenem Gras und Schnecken gefüllten Pneus tragen, rollen und stapeln sieht das dann so aus:

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Eine fast hektarhgrosse Fläche ist mit Plastikplanen abgedeckt. Alle trocknen, rausziehen, falten (bei starkem Wind eine lustige, fast New Games-mässige Aktivität, aber die jungen Leute kennen das nicht mehr). Dann kommt hervor:

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Diese einmalige Konstellation, über die die BBC zu Beginn dieses Jahres zur besten Sendezeit einen Dreiteiler brachte, der die Hypothese hatte, dass dieser Ort damals so etwas wie die spirituelle Hauptstadt Britanniens war. Die Meinungen dazu hier sind sehr gespalten: Einige bedenken die Gratis-PR, andere ärgern sich immer noch über die Art und Weise, wie gefilmt wurde. Und die Archäologen wissen auch nicht recht, ob da was dran ist oder nicht. Drum graben sie ja.
Und ja, Sandsäcke. Zum Befestigen sensbiler Strukturen. Die müssen auch noch raus.

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Aber nun zeigen sich die Strukturen und die sorgfältig gemachten Mauern. Alle dieser Steine, die teilweise – wiederum mit anderen Steinen – geschliffen oder gar mit Mustern verziert wurden, sind sorgfältig zu Mauern geschichtet. Die Gebäude waren vielleicht auch mit Steinziegeln bedeckt. In der Mitte ist meist eine Feuerstelle auszumachen (Feuer wurde mit Treibholz, Torf oder Mist gemacht, und vielleicht hatte es damals noch einige Bäume, aber die waren dann sicher schnell weg …).

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Das (oben) ist ein neuer Sondiergraben, der vor drei Jahren in einen nahegelegenen Hügel gegraben wurde. Es ist ein vier Meter hoher und 70 Meter breiter Schutt- und Abfallhügel (steinzeitmässig gesprochen) und darunter kamen letztes Jahr Gebäudelemente zum Vorschein, die vielversprechend sind (um mit einiger Spekulation verbunden, da auch das Alter noch unklar ist).

Ein Fazit schon mal: Die Archäologinnen und Archäologen, die sehen die Arbeit.

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Bild: Simon Gray

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Bild: Simon Gray

Arbeitsweg

Jetzt, da der Ernst des Sabbaticals beginnt, gibt es wieder eine Leitplanke für den Alltag: einen Arbeitsweg. Wenn ich 9 Uhr am Ausgrabungsort sein will, nehme ich den Bus kurz vor acht. Der fährt eine Minute zu Fuss von meiner Wohnung entfernt ab. 25 Minuten später dann steige ich an einer Strassenkreuzung aus und gehe 15 Minuten zu Fuss. Dabei begleitet mich jeden Morgen diese Rinderherde. Ich stelle mir ein Rindergedächtnis vor wie die Endlosschlaufe des Filmes mit dem Murmeltier: jeden Tag sieht es um viertel nach acht einen Spaziergänger dem Feld entlang wandern und denkt – falls das Denken ist: Was ist das? Habe ich noch nie gesehen, das muss ich anschauen (beschnuppern, abschlecken, anschnaufen) gehen, und am besten ist wohl, wenn wir da in der Herde hingehen; was sag‘ ich, wir rennen hin und bleiben dann aber plötzlich stehen und versuchen, das da zu hypnotisieren, indem wir alle gleichzeitig schauen, und nach 5 Sekunden machen wir wieder etwas anderes …

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Und etwas weiter hinten gibt es Sicht auf die Hügel der Nachbarsinsel Hoy. Der Salzwasserteil des Lochs hat an vier Tagen im Jahr, wenn aller Wind anderswo gebraucht wird, eine spiegelglatte Oberfläche.

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Und rechts kommt dann:

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Dann noch über eine kleine Brücke.

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Nichts gegen die Leimenstrasse oder den Spalenberg, aber dieser Weg zur Arbeit ist derzeit konkurrenzlos.

Die öffentlichen Verkehrsmittel in Schottland sind ja seit geraumer Zeit privatisiert, mit allen Vor- und Nachteilen. Gestern und heute waren wir jeweils immer genau die gleichen vier Personen im Bus, mit dem gleichen Bus-Chaffeur, aber mit zwei unterschiedlichen Bussen. Das weiss ich, weil beide eine Panne hatten. Aber nach zehn Minuten stand der Ersatz da. Und weiter ging die Reise. Der Chaffeur behauptete, das habe nichts mit ihm zu tun.
Das Busunternehmen bietet Routen in ganz Schottland an und bietet eine App an, auf der Tickets bezahlt und angezeigt werden können. Nur: die Zentrale hat nicht bedacht, dass hier ausserhalb von Kirkwall das Mobilenetz so schlecht und schwach ist, dass die App gar nicht funktioniert. Einsteigende Touristen also zücken ihr Mobile, wollen dem Chauffeur ihr Ticket, das sie auf dem Mobile gespeichtert haben, zeigen, aber das geht eben nicht. Der Chaffeur lässt die Leute ein wenig schmoren, fährt ab und sagt dann, dass er das Billet in Kirkwall kontrollieren werde.
Am Samstagspätererabend war kein Papier für die Billetmaschine im Bus mehr da: Freifahrt für alle.

Globalisierung

Es ist ja nicht so, dass die Orkneys auch im übertragenen Sinn Inseln sind. Aber gleich diese beiden Spuren ausländischer Präsenz (von französischen Autos mal abgesehen) am gleichen Tag ist dann grad dicke Post.


Ein Abziehbildli am Schaukasten geht ja noch. Aber das da – siehe unten – ist nun doch  eine Frage des Geschmacks:

 … in einem Fenster, und als Hintergrund ein Poster der Freiberge. Nur der Name des Bahnhofs ist dann etwas sehr falsch gewählt.

Liebe Kimberley,

ich weiss nicht genau, was du auf diesen Inseln getrieben hast, aber es muss bemerkenswert gewesen sein. Also Kimberley (oder warst du eine Kimberlee, Kimberleigh, gar eine Kimberli?), warst du die Muse des Inseldichters, die Erfinderin der omnipräsenten Windräder, die Materialwartin des uns bereits sattsam bekannten John Rae, die ihm auch (resp. vor allem) im hohen Alter die Seehundfellschuhe weichkaute (geht besser ohne Zähne), eine der vielen Hexen (die hier wie überall schnurzgerade in den Tod gerichtsverhandelt wurden), die Golfstrom-Loreley, welche Steuermänner und Matrosen in den Tod an den Klippen sang, die Hirtin des besten Schafsbocks, die Käserin von Westray mit dem geräucherten Cheddar-Cheese (sehr empfehlenswert), die Promotorin des Gezeitenkraftwerks, die Erfinderin des Tagestourismus für Kreuzfahrer, die Hauptgesuchstellerin aller EU-Subventionsanträge, derentwegen hier all‘ die blauen Tafeln dem Wind trotzen (oder auch nicht), die Unschuld vom Festland, die Maid, die in den hingekritzelten Runen besungen wird, die Fachfrau mit dem Blick für die richtige Ernähung in den Lachszuchten, die Schafszüchterin, die entdeckte, dass Schafe dann das beste Fleisch geben, wenn sie Algen und anderes Meeresgemüse fressen (und deshalb eine der Inseln – North Ronaldsay – mit einer fast zwei Meter hohen Trockenmauer umgeben liess, die zuerst die Schafe vom Meer fernhalten sollte, danach aber und bis heute dafür sorgt, dass die Schafe nichts anderes zu fressen – und zu sehen – bekommen als Tang, Tand und Sand, weil sie nun im 10 Meter breiten Band zwischen Wasserlinie und Mauer leben), die Ingenieurin, die die Ölpipeline von den Nordseeölfeldern auf die Insel Flotta plante, wo nun die Supertanker Halt machen, um … (ist ja fast peinlich) zu tanken oder warst du einfach die Kimberley, die den Matrosen ihre Braut war, wenn ihre Schiffe hier im Hafen ankerten?

Aber wer weiss, vielleicht ist es auch komplizierter. Oder auch nicht. Vielleicht warst du ein Kimberly. Oder ein Kim. Vielleicht warst du auch gar nie da. Sondern tauchst einfach  auf der Webseite http://www.howtonamemyhouse.co.uk auf und bist dort der Default für die Internet-Surfenden der Orkney-Inseln, die dann (wegen der – kürzlich offiziell bestätigten –  langsamsten Breitbandverbindung im UK) einfach nicht über „K“ hinauskommen. Und dann heissen halt einfach deshalb viele Häuser Kimberley und nicht Lighthouse, Maidenbed, Newhaven, Otter’s Rest, Polarsun, Quarry Entrance, Ravensnest, Seaview, Twatt, Upper Hillside, Vintage Tractors for Sale, Windward Cottage oder Zorro’s Revenge. Und das, obwohl dem Schotten und der Schottin ihr Home ja auch ihr Castle ist, wovon all‘ die vielen, tja, Einfamilien-Homes zeugen, die in der Landschaft, am Loch, am Meer, an der Strasse (ja, gerne an der Strasse), auf dem Hügel oder im Moor (Schilf ist hier nicht mehr) stehen.

PS. Heute nahm ich den Bus ins Inselinnere (ich hatte eine Sitzung, was nur halbwegs Sabbatical-konform ist, aber die war im Grabungszentrum, wo sich … aber diese Geschichte dann im zweiten PS), also, ich bat den Busfahrer, bei der und der Strassenkreuzung anzuhalten, was er dann tat, weil es dort sowieso eine Haltestelle hatte (das passiert mir nicht nochmal … keine Ahnung, was der Chauffeur dachte, wahrscheinlich sowas wie ‚putain de smartass‘, dem Akzent nach war er Franzose). Nun, die Haltestelle heisst Ice Cream Parlour, und ich entdeckte, dass die Haltestelle nicht aus ähnlich skurrilen Gründen wie viele Häuser Kimberley heissen, so genannt wird, sondern, dass es dort tatsächlich Glacé zu kaufen gibt: Im Moor ein rosarot eingerichtetes kleines Lokal mit fünf Sorten Glacé, hier gemacht mit hiesiger Milch. Und das beste habe gar kein Aroma, sagte mir Miss-Ice-Cream-Parlour. Klar, schmeckt aber wie Vanille. Und so wanderte ich Richtung Ausgrabungsstätte mit einer Kugel Glacé und dem Wind im Genick (nur der Wind).

PSPS. Dort an der Sitzung trafen sich also einige Archäologen, darunter der Chef, und meine Chefin von der Orkney Archeological Society und die Scottish Heritage Rangers im kleinen Haus neben der Ausgrabungsstätte, und man sass auf Stühlen und auf dem Boden in einem Raum, der kleiner ist als meine Küche-Esszimmer-Lounge, und lachte alle drei Sekunden über Witze, die fast alle ausser mir verstanden. Dabei ging es drum, den Besucherfluss zu organisieren, Führungen abzumachen, die Unterlagen auf den Stand zu bringen und Aufgaben zu verteilen. Alles sehr sympathische Leute. Draussen mähte der Bauer mit einer Riesenmaschine die Wiese. Dieser Augenblick, als alle Archäologen aus dem Fenster schauten, den Atem anhielten, und aufatmeten, als Traktor und Maschine haarscharft am Standing Stone, der seit 5000 Jahren dort steht, vorbeigerast ist, das hätte man filmen müssen (hat aber natürlich wieder keiner getan).

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Etwas Statistik

  • 100%: Anteil hornlose Kühe am Total aller Kühe
  • 5-10%: Anteil offensichtlich unglücklicher Kühe und Kälber: 5-10% (ist ja schwierig zu sagen, so wie sie schauen und leben …)

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  • 0: Anzahl politischer Bestrebungen, das Vieh wieder mit Hörnern auszustatten
  • Igel und Krähen: Meistüberfahrene Tiere am Strassenrand (pardon, sieht man halt vom Velo aus)
  • 3: Anzahl Sekunden, die ich überlegen musste, ob ich auch aufstehen soll, als es in der Kirche hiess, dass sich nun alle erheben sollen, da die norwegische Prinzessin und ihr Prinz kämen.

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  • 900: Jahre, die vergangen sind, seit Magnus, damals norwegischer Graf und Chef hier, von seinem Cousin umgebracht  – und schon wenige Jahre später heilig gesprochen – wurde. Er ist so was wie die Wikinger-Ausgabe von Niklaus von Flüe. Fast alles ist nach ihm benannt, ausser die Einkaufszentren, die heissen Lidl oder co-op wie sonst überall auf der Welt. Da gab es also kürzlich eine Parade ihm zu Ehren von seiner Kathedrale zum Hafen hinunter: wacker voran die Pipe Band, hintenan 400 Schülerinnen und Schüler und dann der Magnus selber.

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Und hintendran sass ein Typ, der mit Mikrofon ausgestattet, den Magnus dann über Lautsprecher sprechen liess – und da war durchaus nicht nur Heiligenkompatibles drunter.

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  • 1: Sitz-Nachbarin beim klassischen Konzert in der Turnhalle von Kirkwall, die mit dem Plastikbecher Bier sich durch die Reihen zwängt und sich zielsicher mit etwas Überbreite und Woll-Poncho auf den Stuhl neben mich fallen lässt.
  • 1: Sitz-Nachbar, am gleichen Anlass, der sich tapfer durch eine norwegische Sagenkomposition und eine Prokofiew-Symphonie wach hält, um dann genau auf den Zeitpunkt hin einzunicken, als der einheimische Chor, in dem seine Verwandte, der zuliebe er da ist (oder von der er dazu gezwungen wurde), mitsingt, Mozarts Requiem anstimmt.
  • 15: Vergegebliche Suchaktionen nach dem Besitzer dieser im Hafen liegengebliebenen Ankerkette (der Haufen ist ca. 2,5 m hoch). Sie nimmt ja doch etwas Platz weg. Könnte aber ja durchaus auch als Kunst durchgehen.

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  • 22 Stunden und 45 Minuten: Seit letzter Mitternacht vergangene Zeit bis zur Aufnahme dieses Bildes, das meine kleine Strasse zeigt, wo ich wohne. Im Haus unten links unter dem schwarzen Dach.

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Pub Quiz #1

Wieso darf auf den Orkney-Inseln eine Statue des heiligen Georgs stehen, obwohl dieser der Landespatron von England ist?

Perchè sulle Orchadi è tolerata una statua del San Giorgio malgrado quello lì è il santo nazionale dell’Ingelterra?

Zusatzfrage: Wieso hat dieser St. Georg einen Schnauz?

Domanda bonus: Perchè questo San Giorgio c’ha i baffi?

Update John. Joined by James

Stromness ist mit rund 3000 Einwohnern nach Kirkwall der zweitgrösste Ort der Orkneys. Mit dem Bus etwa 1/2 Stunde entfernt, vorbei an rund 450 neugeborenen oder noch sehr kleinen Schafen, die alle mit je einer Mutter (meist alleinerziehend), siebenundfünzig Tanten und einigen Grosstanten weisse Flecken ins nassgrüne Wiesenland zaubern. In Stromness also war ich eben, und da hat es ein Museum, das ist mal wieder ein richtiges Museum – dunkler Eingang, eher geschwätzige Dame hinter einer Theke und das Ticket ist sieben Tage lang gültig («come again» ist deshalb auch der logische Abschiedsgruss). Und das Museum hat einfach alles zur Geschichte des Ortes, alles zu John Reas Expeditionen, ein Inuit-Faltboot, vielerlei Afrikanisches von einem, der vor zweihundert Jahren am Niger war, allerlei Devotionalien aus dem ersten und zweiten Weltkrieg (darunter eine Fahne, die auch der abgewählte Walliser in seinem Keller aufhängen würde), die Hafenbücher der letzten 300 Jahre, eine vollständige Sammlung ausgestopfter Vögel und Säugetiere der Insel, eine Sammlung Muscheln, die wichtigsten Schiffe von dort oben als Modelle und noch so vieles wie zum Beispiel ein Porträt und die Harpunen des letzten lokalen Walfängers. Das alles auf rund 180 Quadratmetern. Da kriegen andere Museen grad mal ein bis zwei Hepworth (ok, die sieht man hier im anderen Museum 100 Meter entfernt) oder ein Holbein-Porträt unter. Und alles ohne einen einzigen Bildschirm, keine Mechanik geschweige denn Elektronik, nix kann berührt, gedreht, andersrum oder von näher betrachtet werden. Einfach nur schauen (soweit das Licht reicht). Ein Museum, das die drei Funktionen von Museen (Ausstellen Sammeln, Ausstellen Erforschen, Ausstellen) irgendwie oder irgendwie doch nicht … aber sehr sympathisch. Und es wurde 1995 zu einem der besten Museen Schottlands gewählt. Hm … ist ja aber auch schon wieder 20 Jahre her.

In Stromness hatten viele der Lagerschuppen und Häuser am Meer eigene kleine Piers zum rascheren Abfertigen. Und alles ist nahe ans Wasser gebaut, weil es keine schützende Hafenmauer braucht, da rundherum nur Insel und Bucht ist, und kein offenes Meer.

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Einige dieser Boote fahren die Taucher raus in die Bucht, die ein regelrechter Schiffsfriedhof ist. Und das kommt so: Ende des ersten Weltkriegs, die deutsche Regierung hat noch nicht ganz kapituliert, wurden die 74 deutsche Kriegsschiffe der Kaiserliche Hochseeflotte hier interniert und deren Matrosen bis auf eine Rumpfbesatzung nach Hause geschickt. Der deutsche Konteradmiral kriegte nicht mit, dass seine Regierung zuhause nun alles unterschrieben hatte und befahl die Selbstversenkung. Die letzten Matrosen drehten die Ventile auf, als sich ihre Bewacher auf Manöver begaben, und schon waren innerhalb von sechs Stunden die 74 Schiffe auf dem Meeresgrund. Unbrauchbar. Ausser für einen findigen schottischen Ingenieur, der dem britischen Staat die Wracks abkaufte (ungehoben), sie dann mit Druckluft hob und mit dem Stahl ein gutes Geschäft machte. Nur sieben Schiffe (und das waren rechte Kähne, die kaiserlichen Welteneroberer wussten schon, wie rechte Schlachtschiffe zu bauen waren) liegen noch auf dem Grund. Der Rest weg, wiederverwertet. Und der zweite Weltkrieg war dann wieder für ein paar zusätzliche Wracks besorgt (wer weiss, ob einige Tonnen rezyklierten Stahls hier ein zweites Mal auf Grund gingen).

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An der dem Hafen am nächsten gelegenen Quelle hat so manches berühmte Schiff halt gemacht und Wasser getankt. Dass Franklin da war, war zu erwarten. Dass aber auch James da war, überrascht nun doch, das ist ja nicht wirklich seine Richung. Aber vielleicht waren es, und das Schild sagt es ja irgendwie auch, auch nur Cooks Schiffe, die da waren. Die «Terror» haben übrigens findige Leute letztes Jahr im Norden Kanadas gefunden. Was wiederum zu neuen Geschichten führt.

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