Reisen, hin und zurück

Da hatte ich mich also im Juni und Juli beim Nationalfonds um ein Mandat beworben und mittels Skype Bewerbungs- und Koordinationsgespräche abgehalten (gelobt sei das WiFi in meiner kleinen Wohnung). Dabei habe ich gelernt, dass man sich auch mit Winken via Kamera vom Gegenüber verabschieden kann. Das sieht lustig aus. Und dann kam die gute Nachricht, dass ich für die nächsten vier Jahre beim Nationalen Forschungsprogramm Fürsorge und Zwang (NFP 76) beim Wissenstransfer und der Kommunikation mitwirken kann. Für das Programm wurden bereits viele Gesuche eingereicht, welche von der Leitungsgruppe und einem internationalen Panel begutachtet werden sollten. An dieser dreitägigen Sitzung wollte ich natürlich nicht fehlen und flog dafür zurück in die Schweiz. Was mir bei der Ankunft in Bad Schauenburg, wo das alles statt fand, auffiel: Bäume. Richtig viele Bäume. Grosse. Grüne. Fast hätte ich einen umarmt.

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Zwischen Abschluss der Tagung und Abflug reichte es sogar noch rasch für einen Besuch im Museum BL in Liestal, wo unsere Ausstellung zur frühen Kindheit gerade Halt macht.

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Ja, und dann via London und Edinburgh am Freitag wieder nach Kirkwall zurück. Kam mir ein wenig schottisch vor. Aber vor dem Gate im Edinburgh war so was wie das Zuhause in Basel schon weit weg, da ich dort Leute traf, die ich kannte, und für Sitzungen und Business aufs Festland flogen an jenem Tag und nun auf der Rückreise waren. Und die Ankunft auf dem Flughafen in Kirkwall brachte dann das Orkneyfeeling wieder zum Glühen.

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Reise vor Rückreise

Still und leise werde ich einen Test absolvieren, ob die Re-Integration nach den vier Monaten gelingt. Vom Dienstagabend dieser Woche bis Freitagmorgen werde ich an einer Klausursitzung eines Kunden teilnehmen, für den ich in den nächsten fünf Jahren arbeiten werde (den Zuschlag habe ich während meines Sabbaticals erhalten und eingewilligt, dass ich für den Kick off-Anlass in diesen Tagen in die Schweiz zurückkehren werde). Aber da der Rückflug ja schon gebucht und Gepäcktransport organisiert war, habe ich gedacht, fahre ich dann nochmals in den Norden für die letzten acht Tage und nehme Abschied und fülle den Blog nochmals so richtig auf, sodass ich dann auch was zu lesen habe, wenn ich daheim bin. Ich werde mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze durch die Mittellandschaft zugfahren und kaum da, schon wieder weg sein.

Verdammt nochmal, Kimberley …!

Über die Dame habe ich mich ja schon hier ausgelassen. Nun gibt es in Finstown, das liegt hier von Kirkwall einige Kilometer nordwestlich, eine Bushaltestelle, die heisst sinnigerweise so wie die Firma, die dort liegt («Allan’s of Gillock»). Ein Farming- und Baubetrieb mit einem Werkhof, der die letzten fünf Generationen Technik umfasst (in mehr oder weniger verrostetem Zustand) und der den Eindruck vermittelt, da könnte man vermutlich alles bestellen: vom Gartenzaun über eine Garage bis zum Gezeitenkraftwerk oder eine Raketenstartrampe. Und wenn es sein muss, auch einen Saustall. Nach dem Halt dort fährt der Bus etwas den Berg hoch, und da kürzlich die Anzeige zum ersten Mal funktionierte, musste ich das da sehen:

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Also, nun auch noch eine Busstation …! Ich werde noch mehr Recherche betreiben müssen, um herauszufinden, was es damit auf sich hat.

Eine Sackgasse habe ich schon begangen: Ja, klar, dachte, ich als ich es  – siehe Bild – sah. Alle Menschen sehen das da, was ich da sah, immer gerne (vorausgesetzt, es ist gut aufgefüllt und man hat daran gedacht, das überprüfen, bevor man sich hingesetzt und leichter gemacht hat). Und weil das halt nun einmal so heisst, nennen sie hier in guter und erleichterter Erinnerung ihre Häuser (und offenbar Busstationen) danach.

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So als ob in Frankreich viele Villen am Meer halt «Villeroy» heissen würden, weil der Bloch weggelassen wurde. Oder im Berner Oberland die Chalets «Keramik» benannt würden, weil das Laufen den Lesefluss gestört hätte. Nicht sehr plausibel, scheint es. Ich bleibe dran.

 

Leute

Es war ein Vergnügen, Leute und Leute kennen zu lernen und immer wieder zu sehen, oder nur einmal. Es war eine Freude, mal kurz, mal lang, mal gar nicht, mal noch nicht mit ihnen zu sprechen. Die beiden in gelben Jacken sind unschwer als Archäologen zu identifizieren, sowas wie Tshirt kennen die gar nicht, kommen sie doch aus York und Nordirland. Die beiden im Vordergrund haben ein Boot nachgebaut, das so oder ähnlich den ersten Bauern in der Steinzeit die Durchquerung des Pentland Firth, der Meerenge zwischen Schottland und den Orkneys, ermöglicht hätte. Kann ich mir vorstellen. Aber dass dort drin dann noch zwei Kälber, eine Sau und vier Hunde Platz haben mussten, hm, ich weiss ja nicht. Und die engste Stelle im Pentland Firth beträgt ja immerhin 10 Kilometer und der Gezeitenstrom hat eine Geschwindigkeit von rund 30 km/h (eine der höchsten weltweit, man durchquert eigentlich etwa acht Mal den Amazonas).

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Die Rangers von Historic Environment Scotland machten auch Führungen bei uns auf dem Dig und waren immer wieder mal sonst anzutreffen. Der Keith links aussen lebt im Winter in Zypern, seine Kollegin Eleanor trägt immer kurze Hosen (immer), Elaine und Sandra haben so richtig schöne Dialekte von hier und so zufrieden wie Martin rechts aussen möchte ich auch mal werden. Und der Kofferraum ihres Autos war ihre fahrbare Teebar. Und immer wenn Elaine zu uns auf den Dig kam, regnete es.img_1476.jpg

So sehen viele Leute aus, wenn wie am Tag der offenen Tür mehr als 1200  Leute sehen wollen, was da passiert.

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Und von diesen Riesendingern kommen viele der Leute her.

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Und so habe ich die Leute aus dem Graben gesehen, in dem ich zuletzt tätig war. Am liebsten rief ich Besuchern, die sich auf Schweizerdeutsch gegenseitig Fragen stellten, aus dem Graben Antworten zu. Wurde meist mit interessanten Gesichtsausdrücken belohnt. Und einmal mit einer Tafel Schokolade.

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Mary (rechts) brachte oft Kuchen und Gutzis vorbei. Paula in der Mitte macht im Auftrag von Tesco Sozial- und Gemeindeeinsätze, kam so auch bei uns vorbei und machte die Kasse im Laden. Kathleen aus Perth half vier Tage aus beim Empfang und kriegt dann nächstes Jahr eine kleinere Jacke. Und die hohe rote Stirn gehört mir.

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Bei gutem Wetter ist auch die Stimmung gut. Bei schlechtem natürlich auch. Aber es war ein guter Sommer. Und auch ich habe den Antrag gestellt, nächstes Jahr eine kleinere Weste zu kriegen. Und sie muss auch nicht gefüttert sein. Oder gelb.

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Eine der beiden Artists in residence. Elisabeth, eine pensionierte Kunstprofessorin. Im Graben. Von ihr habe ich ein Bild gemacht (das da unten), von der anderen, Karen, eines gekauft.

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In Stromness machen sie im Sommer eine sog. Shopping Week, an der es auch einen Umzug gibt und einige haben den Dig nachgestellt und sind damit die 300 m lange Hauptstrasse von Stromness entlang gefahren. Perfekt nachgebaut aber die grüne Umhülllung des Gerüstes, sehrsehr originalgetreu. Wozu das alles dient, wurde mir nicht klar. Fraser, der pensionierte Lehrer und meine Auskunftsperson für alles Historische der Inseln, meinte, das sei einfach ein weiterer Anlass, sich öffentlich zu besaufen.

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Das war das ganze Team des Sommers vor Ort. Und ja, ich bin drauf.

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Aufräumen und abräumen

Letzte Woche kam noch einmal ein Bauer vorbei beim Dig und brachte nochmals 200 Pneus; er war wahrscheinlich froh, die gratis und franko weg von seinem Hof zu haben. Verbrennen geht heute nicht mehr und fürs Silo brauchen die Bauern die Pneus auch nicht mehr. Also ab zum Dig. Dort haben wir am Donnerstag und Freitag die Gräben wieder zugedeckt, die Mauern gestützt mit Sandsäcken und winter- und windsicher verpackt. Zum Glück bei schönstem Wetter.

Dabei kam es aber auch zum ersten Mal seit ich hier bin (oder ich merke es zum ersten Mal) trotz einer ansonsten sehr kooperativen Stimmung und nur wenigen klaren Vorgaben zu eher mühsamen Diskussionen um richtiges Vorgehen bei der Abdeckung, über optimale Auswahl der Deckplastikbahnen, die richtige Reihenfolge. Und weil dann immer grad so 10 Leute jeweils ihren Standort wechseln müssen, oder man rasch mal wieder 50 Pneus wieder umlagern muss, war das nicht nur toll. Aber es waren etwas viele Köche dabei. So warteten wir immer wieder mal in Einerreihe, parat zu was immer folgen sollte.

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In der Mittagspause sagte die Projektleiterin Anne von der Uni, dass jemand aufstehen müsse und was kriegen sollte. Sie schaute mich an. Ich schaute, wer hinter mir sass, dort lag nur ein Hund. Also, dachte ich, der Hund versteht das ja wohl nicht, und wollte ihm schon einen Schubs geben, er solle gefälligst aufstehen … aber offenbar war ich gemeint. Ihrer kurzen Rede Sinn war, dass ich eine Flasche Whisky erhalten sollte, weil ich soviel gearbeitet hätte und einfach verfügbar und da und so und von weit her und … (Däni, der jene Woche da war und den ich überredete, doch beim Pneurollen zu helfen, und also Zeuge war, wird kein Wort darüber verlieren, da sonst unsere schöne 41jährige Freundschaft zu einem abrupten Ende käme). Der Whisky schmeckt vorzüglich und ich werde die Flasche leer trinken, alleine, bevor ich die Rückreise antrete. Den teile ich mit niemanden. Ein so überraschendes Geschenk habe ich noch nie erhalten. Achtung, Start Kitschgefahr: Habe ich ein Glück; dieser Ort berührt und rührt mich nun doch mehr, als ich je gedacht hätte. Die Klösse im Hals beim Verabschieden von allen waren vielsagend, ich war’s nicht mehr. Schluss Kitschgefahr.

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Und dann war Abflug vom Ness of Brodgar 2017!

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Am Abend dann reichte es noch für eine rasche Busfahrt nach Stromness an die Westküste (genau: dort, wo an diesem wolkenlosen Tag die Sonne im Meer versäuft und eine andere Kitschgefahr heraufbeschwört). Nach 40 Minuten zu Fuss waren wir vorne beim Friedhof am Meer.

Das goldene Schiff kam zurück von der Suche nach dem goldenen Vlies, der Kapitän hatte vier goldene Hochzeiten vorgenommen an Bord, Evil Knievel mit einem goldenen Fallschirm ausgeholfen; der Bordschreiner gemäss der goldenen Regel eine neue Kabine im goldenen Schnitt gezimmert, damit der goldene Mittelweg besser begehbar sei.

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Und wenn die Sonne auch ein Bild gemacht hätte, hätte sie nun zwei karierte Hemden mehr für ihre Sammlung «Schweizer im Ausland».

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Das letzte Mal

 

Und es kam der gefürchtete Tag, an dem die Arbeitsroutine, bis aufs Begraben der Gräben, dann auch wieder ein Ende fand: Am 23. August fanden die letzten Arbeiten statt, war die Ausgrabung das letzte Mal geöffnet. Die zwei Monate Grabungszeit (seit Anfangs Juli) sind das Maximum pro Jahr. Mehr liegt wegen Geldmangel nicht drin, und ausserdem wären in den anderen Monaten Freiwillige noch schwieriger zu finden, und interessierte Touristen wären auch weniger vor Ort. Von denen nahmen wir im Schnitt 3 Pfund pro Person ein, obwohl alles gratis ist. Und so viele wie dieses Jahr kamen noch nie – über 20’000, also über 300 pro Tag.

Also gab es manches zum letzten Mal an jenem Mittwoch. Ein Tagesrapport der sentimentalen Art. In grau. Genau.

Letztes stummes Zunicken und gepflegtes Schlangenstehen an der Busstation in Kirkwall um knapp nach acht. Von den anderen der Ausgrabung reiste praktisch niemand mit dem Bus an, die kamen vom College mit einem Minibus oder den eigenen Autos aus anderen Richtungen an.

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Den Bus bei einer Strassenkreuzung verlassen und versuchen, lebendig über die Hauptstrasse zu kommen, wo wahrscheinlich das längste Stück schnurgerader Strasse der Inseln (ohne blind summits und passing places) das zum manchmal nicht grad trivialen Frühsport machte.

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Der letzte zehnminütige Spaziergang dieser Strasse entlang.

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Mit neugieriger und grossäugiger und freundlicher Begleitung.

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Das letzte Mal den meiner Meinung nach schönsten Ort dieser Insel durchqueren und die Steine ganz alleine für mich zu haben, bevor die Busse einfahren und ihre Horden entlassen.

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Das letzte Mal diesen komischen Schafen begegnen, denen ein Horn aus dem Schädel zu wachsen scheint, und die das Green rund um die Standing Stones of Stenness pflegen.IMG_1501

Und wenn ich mal vergass, wo der Pendlerweg durchführt, hätte ich mich an diesem Stein orientieren können, der hier seit 5200 Jahren zu Wege bittet.IMG_1503

Zum letzten Mal unter den 42 Odettes die Odile suchen (die es tatsächlich gibt und die an manchen Tagen gut zu sehen war).

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Zum letzten Mal auf dem kleinen Damm zwischen Meerwasser-See links und Süsswasser-Meer rechts gegen den Wind und um Platz kämpfen.

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Der letzte Gruss an die weggewehte Mütze, die da seit Monaten im Loch liegt.

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Das letzte Mal den Personaleingang zur Ausgrabung nehmen. Auch da stehen zur Orientierung wieder zwei Standing Stones, die schon andere zum richtigen Ort geführt haben.

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Die letzten Gedanken zum Parkplatz auf der anderen Seite, zum Herdentrieb, zur ewigen Angst der Fahrer von weissen SUVs, auf der Wiese zu parkieren, zu Taxis, die 20 Minuten mit laufenden Motor auf Gäste warten, zum Morast nach Regentagen, in dem in zwei Monaten nur ein Wohnmobil stecken blieb.IMG_1511

Der letzte Lunch im Schutz des Shops, da draussen sich das Graue in Tropfendes verwandelte.

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Das letzte Nachdenken über touristische Infrastrukturen, über schlaues Verhalten in Passing Places, letzte Bewunderung für Schofförskünste und Schöfforsseelenruhe und letzte Gedanken zum aufziehenden Grau im Himmel und in der Seele (ja, ok, das ist ein wenig übertrieben, aber melancholisch gestimmt war ich schon).

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Letzte Blicke ins windgeschützte und in die Jahre (4980) gekommene Büroprovisorium von Simon.

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Letztes Zusammenkneifen der Augen, um Gräben und Mauern und Steine und Böden und Schichten und Strukturen und Gebäude und Zwischenräume und Formen und Umgänge und Drainagen und Ecken und Herde und Pfostenlöcher und Begrenzungen nochmals gut anzuschauen. Aber eigentlich schau(t)e ich nie bloss, sondern staun(t)e.

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Und vorüber war’s.

Neue Orte im Graben

Neuer Tag, neues Schaffen. Also, da gibt es diesen Trench J. Da drin ist die grosse Mauer sichtbar (rote Linien), die sechs Meter dick quer über die Halbinsel führt. Und eine sanfte Kurve um ein vermutlich jungsteinzeitliches Gebäude, etwas älter als 5000 Jahre, macht. Dieses Gebäude (grüne Linie zeigt Aussenseite der Mauer) sollte nun besser untersucht werden, da es noch älter als angenommen ist (darauf deute offenbar die Form hin). Also gilt es, die Mauern freizukriegen an bestimmten Orten und dort wo das X sitzt, sollte ich also graben helfen.

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Photo: Scott Pike

Machte mich ans Werk, hinten rechts. Angeleitet.

UHI 3.8.2017

Photo: University of Highlands and Islands

Und dann wird sorgfältig Schicht für Schicht abgegraben. Zuoberst Erde, dann Steine, dann etwas kleines Geröll und Schutt und dann wieder Steine. Und immer alles notieren, damit klar ist, wo man ist, in welcher Schicht. Das geht mal schneller, mal weniger schnell, je nachdem wie nahe der Supervisor ist, um Tipps zu geben. Mir gegenüber arbeitete Paul, ein selbständiger Profi-Archäologe aus York, der hier seine zwei Sommerferienwochen verbringt. Und Ian, auch aus York, der sonst Grabungen organisiert und managt und hier wieder mal dreckig werden wollte. Und ja, das Schüfeli ist nebst dem Trowel, dieser Mischung zwischen Maurerkelle und Spachtel, das wichtigste Instrument. Zum Glück hatte ich solches ja geschenkt erhalten!

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Nach kurzer Zeit wollte dieser Schafskiefer ans Licht. Wahrscheinlich aber nicht sehr alt. Und dann kamen immer mehr Knochen hervor, unverbrannt, also nicht von gegrillten Tieren (Hinterhof der Steinzeitmetzgerei?).

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Und bald entdeckte ich das erste Stück Töpferei. Kein Riesenstück, aber richtig alter Pot!

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Und dann kam der Regen und das Loch füllte sich mit Wasser

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Aber am nächsten Tag war ich unten, auf der gelben Lehmschicht, die anzeigt, dass darunter nur noch der vom Gletscher geschliffene Fels ist. Und auf diesem Lehm bauten die Steinzeitleute also das Gebäude und legten eine Mauer mit feinen Steinen, die unten gut zu sehen ist. Das zeigt aber auch, dass die grossen Steine, welche wahrscheinlich die Aussenseite der Mauer bildeten, von späteren Bewohnern für andere Zwecke aus der Mauer «geraubt» wurden. Deshalb ist der Verlauf schwer festzustellen. Der gelbe Pilz übrigens dient der Orientierung und zeichnet das Site-weite Koordinatensystem ab.

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Das da unten ist der Querschnitt gegen «meine» Mauer hin. Und da liegt ein runder Stein – etwa faustgross. Das ist oft verdächtig, denn mit runden Steinen baut es sich nicht gut. Als ich ihn dem Supervisor zeigte, meinte der lakonisch (er macht das seit langen Jahren), ja, das sei sicher ein Steinwerkzeug. Yep. Aber es muss im Querschnitt bleiben, da dieser sonst verloren geht, bevor er dokumentiert ist. Das holen wir dann nächstes Jahr raus, meinte er. Aber dann bin ich nicht …, nur meine Widerrede nützte nichts, das Ding blieb drin.

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Dafür fand dann mein Grabennachbar Stewart (einer der wenigen Orcadians hier) dann noch dieses schöne Set Schafsszähne. Also ob sich ein Schaf mit dem Unterkiefer auf dem Stein schlafen gelegt hat und dann einfach nie mehr aufgewacht ist. Auch diese Zähne blieben im Schnitt – und sind es noch heute.

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Neuer Tag, neuer Graben. In jener Woche konnte ich im Graben T mitwirken. Dieser wurde erst 2013 neu gegraben, da man darunter ein Grab vermutete. Heraus kam jedoch der grösste Abfallhaufen von Grossbritannien aus Neolithikum und Eisenzeit, und das ist bekanntlich Gold wert. Und am unteren Ende kam aber auch noch eine neue Struktur zum Vorschein, die sehr gepflegt gebaut war und vielleicht doch noch so etwas wie ein spezieller Ort war (immerhin war das Gebäude mit einer Drainage umgeben und mehrere Dutzend Quadratmeter gross und mit 2 Meter dicken Mauern versehen). Aber mehr wird man erst viel später wissen. Wahrscheinlich. Oder auch nie. Nun denn, der Trench hat seinen Ruf als Lieferant von vielen Funden und Geheimnissen. In den ersten Wochen waren doch viele Leute aktiv, die entsprechend viele Dinge fanden, darunter waren auch die amerikanischen Studentinnen. Diese kriegten deshalb viele Funde ab, während die einheimischen Studenten aus Inverness und Perth in anderen Gräben «Gartenarbeiten» verrichteten. Bis dann Matt und Kolleginnen auch mal rüber durften und er prompt nach einigen Stunden eine kleine Töpferei fand.

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Photo: UHI

Als er ganz stolz und aufgedreht zum Graben J rüberkam, um es seinen Kollegen zu zeigen, die wie ich damals einfach auf den Lehm runter gruben, war ihm die Eifersucht seiner Freunde sicher. Als er auch nicht sagen konnte, zu was sowas vor 5000 Jahren wohl hätte dienen können, meinte er seiner Kollegen, das sei wohl ein Hoden-Messgerät für Einjährige gewesen, um den Entwicklungsstand abschätzen zu können. Aber es ist wirklich ein hübsches Stück.

Also, da war ich also für zwei Tage in diesem Graben T und da dort die Touren auch halt machten, an denen pro Tag etwa 150 Leute teilnehmen, hörte ich dort drei Mal pro Tag die gleichen Witze. John, ein pensionierter Ingenieur aus Washington State, kannte die Pointe schon auswendig, da er immer in diesem Graben arbeitete. Mein Grabungsplatz war rechts bei den beiden Schubkarren.

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Photo: UHI

Und  neuer Supervisor, neuer Ansatz: Grabe mal runter und schaue, was passiert. – What could happen? – Nun, mache die obersten zwei inches weg und schaue, ob sich die Farbe verändert. – Würde ich das merken? – Ja, das siehst du. – Und dann? – Dann schauen wir mal, was passiert. So geht Archäologie für Anfänger. Ich war nicht sicher, ob ich immer sah, was passierte. Zum Glück hatte ich Nachbarn. Und John holte mal einen Stein zurück, den ich schon auf die Schutthalte geworfen hatte und meinte, dass man diesen behalten sollte, da Sandstein und sonst hier nicht vorkommend (ein sogenannter «foreign stone») und deshalb wichtig für die Auswertung und manchmal Indiz für Spezielles.

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Und Kathleen konnte mir immer sagen, wenn etwas Pot war oder einfach nur Stein. Sie konnte mir auch zeigen, wie man die Säckli beschriftet, die für die «small finds» benutzt werden: Datum, Grabennamen, Art des Fundes, Kontextnummer (in welcher Schicht also), Fundnummer (da sind wir nun bei laufender Zählung seit Grabungsbeginn vor 14 Jahren bei über 30’000 angekommen) und – gut für’s Ego – Initialen des Finders. Da liegen nun im Depot also auch einige Säckli mit D.B. beschriftet und enthalten Pot und Schlacke.

Und dann nagelt man diese Plastikpfeile in den Boden bis Beep 2 (also die Vermesserin) kommt und jeden Fund mit GPS vermisst und aufnimmt, sodass jeder Fund klar verortet ist. Das generiert so viele Daten, dass ich mich manchmal frage, wer die Zeit hat, diese alle auszuwerten. Aber dafür sind wahrscheinlich die langen Nächte im Winter hier gut.

Im Graben

Das ist dann eine Aufgabe für die Unerfahrenen: Runterschaben und runtergraben bis auf die Lehmschicht; dann weiss man, dass man zuunterst ist. Darunter ist nur noch Fels. Also putzte ich mal den Dreck raus. Zu finden gab es da noch nichts.

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Das Ganze ist in diesem Graben (siehe unten), der vor 12 Jahren geöffnet, dann aber nach zwei Jahren wieder zugedeckt wurde und jetzt wieder untersucht wird: Trench J.
In der oberen linken Hälfte zeichnet sich ein ovales Gebäude ab, das eine der ältesten Strukturen hier sein könnte (die meisten Strukturen hier sonst sind rechteckig). Und unten rechts kann man die Grosse Mauer von Brodgar sehen, die nach links wegbiegt. Weshalb diese Gebäude hier von einer sechs Meter dicken Mauer umgeben wurden, ist weiterhin ein Rätsel. Hier gibt es übrigens ein 3D-Modell des Grabens (einer macht mit einer langen Stange 400 Fotos des Grabens aus etwa 3 m Höhe und das wird dann zusammengerechnet und fertig ist das).

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Das da ist die Aussenseite dieser Mauer, die schöne Fundamentsteine aus Sandstein umfasste. Und ursprünglich einiges höher war.

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Das war dann also mein neuer Arbeitsplatz (dank den Polstern unter den Knien fast ergonomisch. Rund 5 Minuten lang, danach mit vielen Positionswechseln verbunden; dasch definitiv eine Altersfrage …)

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Und was braun, erdig war, wird nach geduldigem Kratzen und Schaben und Graben zu Andersfarbigem. Das ist der valuable stuff, Verkohltes, Ablagerungen. Da müssen dann andere ran. Aber man sieht es rasch, dass da eine neue Schicht beginnt. Und alles zum ersten Mal ab Tageslicht seit mehr als 5000 Jahren …

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Zuerst aber gab es natürlich eine Einführung (zusammen mit Studierenden der Uni Inverness). Am Graben stehen und Reinschauen ist sowieso eine wichtige Aufgabe der Archäologen. Das kann ich schon gut.

Bild: @UHIArchaeology

Der Ort hier ist im übrigen auch bekannt für eine schön gemachten Drainagen, welche die Steinzeitler mit viel Aufwand legten und mit Steinplatten bedeckten.

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Und die Trockenmauern sind sowieso eine Wucht. Manche der Steine sind verziert (manchmal auf der Seite, die innen in der Mauer liegt).img_1078