Was machen mit …?

dem Abfall auf einer Insel?

Schon klar: So viel wie möglich wieder verwerten. Der übrige Kehricht wird gesammelt und auf eine Inselgruppe noch weiter im Norden verschifft – auf die Shetland-Inseln. Dort hat es eine Kehrichtverbrennungsanlage, die daraus Fernwärme macht. Die können sie gut brauchen; dort ist’s noch kühler und windiger als hier.
Für alles, das nicht verbrannt und auch ziemlich sicher nicht wiederverwertet werden kann, wie zum Beispiel eine dampfbetriebene Walze, gilt: Ab der Strasse fahren und parkieren.

Wer für seinen Oeltanker eine neue Ankerkette gekauft hat, darf die alte auf dem Pier abladen und hoffen, dass es für Kunst gehalten wird.

… mit einer Botschaft an die Zukunft?

Wenn die Ausgrabung zugeschüttet wird, dann wird auch diese Bleibüchse («our time capsule») mit versenkt und vergraben – mit Botschaften, Medien und wissenschaftlichen Erkenntnissen der bisherigen Ausgrabungen sowie deren Pläne. So werden sich denjenigen, die das hier in 18, 94 oder 145 Jahren (oder nie) wieder ausgraben, von Anfang an grad viele Fragen stellen.

Die Frage ist nun, was ich dort reinschreiben soll.

… mit der Braut vor der Hochzeit?

Die Tradition des «Blackening» hier sagt es klar: Sie und ihre Freundinnen trinken sich in gute Laune (vormittags), überschütten sich mit übelriechendem Sirup (oder was immer das ist), fahren auf der Ladefläche des Lieferwagens lärmend den Samstag lang durchs Städtchen, erschrecken alle Touristen, und die Braut wird schliesslich noch ans Marktkreuz (links im Bild) bei der Kathedrale (oder – wie heute gesehen – an den Mast der Strassenbeleuchtung beim Tesco-Parkplatz) gebunden und nochmals mit dem hässlich Zeug überschüttet. Männer machen imfall einfach das Gleiche – einfach etwas lauter und ohne die Ballone.

mit 77 toten Walen?

Ihr habt es vielleicht gelesen – auf Sanday (eine der Inseln hier, etwas nördlich von meiner Insel) sind vorgestern 77 Pilot whales gestrandet, da sie sich vermutlich verschwommen haben (und ihrem Namen nicht gerade Ehre gemacht haben). 12 mussten getötet werden, die anderen waren bereits tot. Männchen und Weibchen und Jungtiere und Kälber (sagt man offenbar, sind ja Säugetiere). Wie das passieren konnte? Tja, der Theorien sind viele: Am plausibelsten ist Orientierungsverlust («navigational error in the shallow waters» schrieb Radion BBC Orkney) oder das Herdenverhalten, dass alle einem verletzten Walweibchen, die hier die Anführerinnen stellen, gefolgt und dann gelandet sind. Noch laufen das Wochenende über Untersuchungen, die vor allem darin bestehen, die grossen Weibchen anzuschauen und aufzuschneiden, danach beginnt es dann bald sehr zu stinken. Nun muss die Lokalregierung hier eine Lösung für 77 Walkadaver finden. Darf natürlich auch nichts kosten. Im Vordergrund steht Verscharren an Land oder aufs Meer hinaus ziehen und dort die Nahrungkette bereichern.

So sieht es da übrigens aus, wo nun die toten Wale liegen. Bettina und ich waren 2017 auf jener Insel. Es hat dort am Strand auch ein fast im Sand versunkenes 5000 Jahres altes Steinhaus, und daneben wurden 12 Skelette von – genau, Walen gefunden, deren Knochen säuberlich ausgelegt waren.

Was oder was?

Kann ja mal vorkommen: Kopfweh am Morgen. Liegenbleiben und ausruhen. Dann wird alles besser. Umdrehen und weiterschlafen. Was wäre besser zu ertragen in diesem Moment? Ein Dudelsackbläser direkt unter dem Fenster, der ab 8.30 bis 16.30 für die Touristen hier alles Schottische durchbläst, das je auf Notenblättern festgehalten wurde (inklusive Verschnitte von Local Hero-Themen)? Oder zwei Handvoll Möwen die über dem Dach in parallelen Workshops Reklamieren und Anschreien üben? Ich meine die grossen, lauten Möwen, die mittlerweile Leuten, die vor dem Flughafen in Inverness unschuldig ein Dreiecks-Sandwich essen, das zweite locker im Vorbeiflug aus der Packung stehlen. Ich hatte nicht mal die Wahl und ertrug einfach alles: Kopfweh, Schrilles aus dem Sack und Schrilles aus der Möwenkehle.

Auf dem Weg

Am Morgens um 8 gehe ich aus dem Haus, also aus der kleinen Holztüre rechts. Mein kleines Refugium ist unter dem Dach des Hauses rechts.

Dann einmal links in die Hauptstrasse von Kirkwall einbiegen. Der Begg ischimfall kein Begg, sondern ein Schuhladen. Und einen solch blauen Himmel haben sie hier seit Wochen nicht mehr gesehen. Und ja, die Strassen sind dann noch fast leer.

Am Laden der lokalen Brauerei vorbei. Vorbeigekommen sind auch die Hipster-Kultur-Propheten, denn hier werden nicht nur die sechs Biere, die sie brauen, verkauft, sondern auch jede Menge Erlebnisse. Und „Peedie“ heisst hier nicht eine Quick-Pedicure, sondern einfach „klein“.

Dann am kleinen Waschsalon vorbei, der beim Coiffeur-Marketing-Büro einen Namen bestellt und halt das gekriegt hat, das er verdient. Aber die Waschmaschinen und Tumbler funktionieren.

Hier war vor sieben Jahren eine Buchhandlung mit Zeitungen, aber wer braucht solche Dinge noch? Ergo alles leer. Und ich ohne Zeitung (Vorderhand. Am Abend andere Quelle entdeckt.)

Vorbei am vor über 100 Jahren gepflanzten Baum, den sie hegen und pflegen wie englische, pardon, schottische Gartenfreaks. Aber falls er stirbt, soll es für Orkney schlimm werden. Wollte anregen, dass evtl. ein wenig mehr Erde rund um die Füsse gut tun könnte, aber die werden schon wissen, was sie tun

Dann kommt noch der Hipster-Laden der einen Whisky-Brennerei hier oben (Highland Park – die andere ist Scapa).

Dann bevor man zur St. Magnus-Kathedrale gelangt (praktisch eine Kopie des Basler Münsters, aus rotem Sandstein, gleiche Epoche, minus ein Erdbeben und plus Kriegsmemorabilia), dann scharf rechts. Bisher ist noch keine ganze Minute vergangen seit der Haustüre.

Vorbei an der Aussenstelle von BBC, wo sie jeden Tag eine Art Regionaljournal machen. Mit einem der Journalisten arbeite ich in diesen Wochen zusammen. Der kennt alle und alles hier, sehr interessant.

Dann noch bei den Freimaurern vorbei, das sind die mit dem Auge im Zirkel und mehr Symbolen, als ein Vorbeigehender aufnehmen und enträtseln kann. Aber das liegt wahrscheinlich am Wesen der Freimaurerei.

Und schon ist der kleine Bushof erreicht. Das Team, das man joinen kann, ist die Busgesellschaft.

Dann also rein in den Bus. Wochenabo für 30 Pfund, für uns Schweizer nix, für andere ein kleines Vermögen.

Und dann geht es vorbei an den ökonomischen Grundlagen des Lebens hier (von links nach rechts in der Rangfolge der Bedeutung): Tourismus (hier in Form eines 2000 Personen-Kreuzfahrtsschiffs, das heute in der früh die wohlhabenden Aelteren aus Kalifornien ausgespuckt hat), dann Energie (Wind und Wellen), Rinder und Kühe und Schafe. Wie ich die Subventionen fotografieren sollte, fiel mir nicht grad ein.

Dann aussteigen bei den Steinen – Mist, das halbe Schiff ist schon da – deren Privatbus war schneller …

Dann noch einen Stein passieren, und schon werde ich da sein. Links oben.

Und so sehen die schönsten Standing Stones der Welt aus, wenn die Leute weg und die weissen, wolligen Rasenmäher noch nicht da sind: vor 5000 Jahren aufgestellt, mehrere Meter hoch, total elf an der Zahl (drei noch vorhanden). Die darf man sich durchaus auch bemalt vorstellen, mit Tüchern, Bändern und anderem verziert und, weil sie so breit sind, mit einer guten Akustik. Deshalb wohl für vieles einsetzbar, was die prähistorischen Bauern damals so trieben.

Reisen bilde, sagen sie.

Da reise ich also an einem Sonntag gen Norden, und begegne auf zwei von vier Flughäfen, die ich durchschreite, einem Mann, dem gleich zwei Denkmäler gewidmet sind, E.E. (Ernest Edmont) Fresson. In nordschottischen Inverness steht er etwas verloren im Oval der Gepäckausgabe, auf den Orkney-Inseln in Wind und Wetter. Er war von Geburt an, also ab 1891, und dann auch in der Armee, an Flugzeugen interessiert und lernte sie fliegen. In der Zwischenkriegszeit gründete er eine Flugfirma, die dann in Cobham’s Flying Circus (sounds familiar, doesn’t it?) aufging (und ja, die tourten durch Grossbritannien und machten Zirkus, einfach ohne Tiere, dafür mit allerlei Flugzeugen). Dann gründete er eine zweite Flugfirma und für diese erhielt er die erste Konzesssion für Luftpost und lieferte offenbar pünktlich Briefe, Pakete auf den Orkney-Inseln ab. Im zweiten Weltkrieg liess er als Militär die erste geteerte Piste von Grossbritannien bauen und wodeliwo war die? Genau. Hier in Orkney. Und wäre ich, statt in Kirkwall aus meinem Flugzeug auszusteigen, noch einen Flughafen weitergeflogen, wäre dieses eine halbe Stunde später auf den Shetland-Inseln gelandet, und dort hätte ich das dritte Denkmal für E.E. fotografieren können.

Da ich aber in Kirkwall blieb, musste ich anderes fotografieren. Am Montag hatte ich Gelegenheit, als ich die Ausgrabungsstätte besuchte und auf den neuesten Stand gebracht wurde von der Chefin. Morgen folgt dann der erste Dienst. Der wird sich hier abspielen:

Und es war sogar gutes Wetter, sodass ich danach noch zu Fuss zu den Lieblingssteinen dort in der Nähe wanderte, mit dem Bus nach Stromness (dem zweiten Städtli hier) und dann zurück nach Kirkwall zum Einkaufen fuhr. Dort sind praktischerweise und alle ökonomische Logik bestätigend drei Supermärkte getrennt durch ihre Parkplätze unmittelbar nebeneinander gelegen.

Und dann hatte es noch jagende Vögel mit hungrigen Jungen und Schwäne, auch mit Jungen.

PS. Und gestorben ist der E.E. Fresson übrigens 1963, fast drei Monate vor meiner Geburt. Vielleicht hat sich ein Faden seiner Seele nach St. Gallen verirrt und hat bei mir die Lust an Highlands und Islands gesät (und den naiven ersten Berufswunsch Pilot wachsen lassen).

Das Ende

Nun, vielleicht noch nicht das Ende des Blogs, aber trotzdem ein Ende. Am letzten Abend – gestern also – nochmals per Bus und pedes zu den Steinen: Zuerst die Standing Stones of Stenness. Dort ist immer Stimmung, heute halt Abschieds.


Dann bei den Pneus vorbeischauen:

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Pneu 341 ist wegen Wind schon etwas verrutscht, und in Pneu 84 hat sich Familie Ratte Ratzinger schon wieder ihr Winterquartier eingerichtet.
Und dann die kleine Wanderung hoch zum Ring of Brodgar.


Die 27 Steine stehen noch immer im Kreis und machen Vieles, vor allem aber Eindruck. Danach gabs einen letzten Fish im Pub dort im Niemandsland zwischen Kirkwall und Stromness. Im Bus danach musste der zweite Passagier unbedingt eine Rugbypartie am Radio hören. Ja, woher er dieses Transistorradio, tragbar, mit Lederschlaufe, hatte, bleibt mir ein Rätsel. Aber viel Altes bleibt ja liegen auf diesen Inseln. Auf alle Fälle plärrte das Radio resp. die beiden Radioreporter derart laut, dass auch ein mit kreissägenden Schreinerlehrlingen vollbesetzter Bus die Partie hätte mitverfolgen können. Und zuhause ging es dann fast so weiter, da Kieran unten wieder mal seine Freunde eingeladen hatte, um ihnen seine neue Stereoanlage vorzuführen (zwei wurden ihm von der Polizei schon konfisziert, sagte mir eben die Landlady). Da seine Freunde aber bis Morgens um eins zu  tun hatten, konnten sie erst so auf die halb zwei am Morgen kommen. Danach lärmten sie mit der Stereoanlage um die Wette, was wenigstens das monotone Bass-Gewummere anreicherte. Mein letzter Abend; da liess ich 105 Dezibel gerade sein. Andere Male blieb mir der Blick in die wegen labilem Gleichgewicht leicht schiefen Gesichter, die auf meine Pijamahosen starrten, nicht erspart. Aber auf INseln musst du mit deinen Nachbarn irgendwie auskommen, da hilft nichts.

Heute morgen dann putzen und saugen und entsorgen.


Und noch ein letzter Spaziergang, Hauptstrasse rauf und runter, Kathedrale rein und raus und zum Hafen zu den beiden Lieblingsfähren.

Und nochmals ein Blick von unten auf meine kleine Wohnung unter dem Dach.


Und noch immer hielt sich die Lust, doch endlich vorwärts zu machen, in Grenzen.

Irgendwann war es geschafft, die Landlady kam, nahm die Wohnung ab, nachmittags kamen schon die nächsten Mieter (offenbar Doctors, die hier auf den Inseln arbeiten werden bis Ostern; der eine davon erbte meine Gitarre). Ein Schwatz, ein Hug und ab ins Taxi. Zum letzten Mal der Frage, ob ich nächstes Jahr wieder komme (die Taxifahrerin hatte mich an der Ausgrabung gesehen), mit einer Nicht-Antwort bestrafen (We’ll see, I’d like to, oder so). Aber ich weiss es wirklich nicht. Vielleicht ist es gut, dass es einmalig bleibt, weil es seinen Wert behält. Und es gäbe noch manches. Vielleicht aber wären zwei, drei Wochen hier an der Ausgrabung tatsächlich auch eine Möglichkeit, etwas Begonnenes weiterzuführen. Etwas, das mich sehr bereichert hat. Und das Inselleben ist verführerisch. Und die Menschen hier auch.

Nun denn, die Kartonkiste mit dem Velo war etwas grob für den kleinen Flughafen, aber alles klappte tadellos. Sie passte nur nichts ins Röntgengerät, also musste ich die Kiste nochmals öffnen. Und beim Einchecken waren die Flughafenleute wirklich grosszügig, ist ja wirklich komisch: zwei grosse Koffer, beide mit Übergewicht, ein Velo und das kostet nur gerade 30 Pfund Aufpreis. Wieso das so billig sei, wollte ich wissen. Die Dame hinter dem Tresen sagte nur, das stehe so auf ihrem Bildschirm, das stimme schon.

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Und schon ging es zum Flugzeug in der schönsten Mittagssonne.img_1946

Bye bye Orkneys.

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Die letzte Ausgrabung

Erdbeeren. Ja klar, die paar Erdbeerpflanzen können wir gut schützen, auch wenn wir Ihren Garten umpflügen auf der Suche nach einer mittelalterlichen Mauer. Bertie, so rund seit einer Generation pensioniert und wohnhaft in Birsay im Norden, nennt einen kleinen Garten sein eigen, mehrheitlich verwildert; aber eben mit etwa zwölf Erdbeerpflanzen, die ihm am Herzen liegen. Zwar kommt ihm da die Uni gerade recht, die mit ihren Archäologen einen mittelalterlichen Palast sucht, der unter den Häusern liegen soll. Böse Zungen sagen zwar, dass der Palast in die Häuser und die umgebenden Mauern integriert wurde, indem die behauenen Steine rezykliert wurden. Nun, vieles ist möglich. Aber gegraben wird sowieso. Ich machte da drei Tage noch mit, um die Werkzeuge nochmals zu benutzen und weil es halt auch Spass macht. Also, als erstes mal die Erdbeeren einzäunen.

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Und dann die oberste Schicht abtragen. (Währenddem ich schreibe, redet im Radio Iggy Pop, der sein eigene Sendung hat und Bands spielt wie «Hope Sandoval And The Warm Inventions» oder «The Gories». oder Archie Shepp) Zurück zur Gartenarbeit. Dann wird einfach sorgfältig Schicht für Schicht abgegraben. Nein, ich habe keine anderen Hemden als karierte.

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Foto: UHI

Und immer wieder von einem Ende des Grabens an den anderen runterschaben. Die gelben Eimer werden so einen Tag lang auch nicht leichter. Aber das schlimmste war, dass irgendwann ein Schicht Flugsand auftauchte, und das war dann wie Sandkastenaufräumen. Und zu finden gab es auch nicht wirklich toll viele Dinge. Immer wieder mal Knochen, Muscheln vom nahegelegenen Meer, so etwas wie eine alte Türfalle. Das beste war noch der längliche geschliffene Stein, der ein Werkzeug hätte sein können. Aber festlegen will sich da auch niemand.

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Also gruben wir mal weiter.

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Foto: UHI

Und irgendwann am Dienstagabend kamen dann die ersten grösseren Steine zum Vorschein, mit viel gutem Willen könnte es Teil einer eingestürzten Mauer sein. Aber auch da galt: Hm, well, seems to be interesting, but who knows, let’s dig deeper and have a look …img_1885

Währenddessen, 12 Meter davon entfernt, hinter einer Gartenmauer. Ian, der hier einen kleinen Shop betreibt, will hinter seinem Haus einige Steinplatten neu verlegen und hat die oberste Schicht Erde weggenommen. Waseliwas findet er da nach 10 Minuten?

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The wall. Also graben dann einige dort weiter, was sich auch wirklich lohnt. Und die Freiwilligen und Studierenden graben im Garten und in neuen Löchern weiter, da die Hoffnung ja auch auf den Totenbettern der Archäologen als letzte stirbt. Und in Ians Hinterhof zeigte sich dann die Mauer in ihrer ganzen Pracht.

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Science on islands

Er unternahm nicht einmal ansatzweise den Versuch, seine Entdeckung zu erklären. Wir waren gerettet – denn Higgs-Mechanismen, Festkörperphysik und Elementarteilchen sind zwar deutsche Worte, deren Bedeutung mir jedoch hinter mindestens sieben Panzersafetüren verschlossen bleiben. Nun, da der empirische Beweis für die theoretische Schilderung des Higgs-Boson (erbracht in den sechziger Jahren) in der Schweiz am CERN in Genf stattfand, war mir der Name des Peter Higgs schon bekannt. Und dieser alte, gescheite Mann, der 2013 für seine theoretischen Arbeiten den Nobelpreis erhielt, kam anlässlich des Science Festivals auf die Orkney-Inseln. Er war zeit seines akademischen Lebens an der Universität in Edinburgh tätig und hat daher enge Beziehungen zu Schottland. Ein ehemaliger Student, der es nachher immerhin zum schotttischen Parlamentsabgeordneten brachte, organisierte ein Gespräch mit ihm. In der Aula des Gymnasiums sprachen die beiden über Higgs, seine Karriere und die Umstände seiner Entdeckung. Am beeindruckendsten fand ich die Souplesse, mit welcher er darauf einging, dass zeitgleich mit ihm zwei Belgier die gleichen Schlüsse zogen, aber der Mechanismus und das Teilchen fast immer nur nach ihm benannt wurden. Sie gingen sich offenbar immer aus dem Weg, bis eines Tages ein Aufeinandertreffen an einer Bushaltestelle nicht mehr ausweichlich war. Freunde wurden sie aber nicht. Den Nobelpreis erhielten dann alle zusammen.

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Als Bettina und ich am nächsten Tag nach einer Wanderung den Bus nahmen an einer Strassenkreuzung, sass also Peter Higgs mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck alleine auch im Bus und fuhr übers Land.

Das Science Festival ist einer dieser Anlässe, den die Leute von hier für die Leute von hier organisieren. Es ist eine dieser Aktivitäten, welche Gemeinschaft machen. Im Pfarreiheim richtet dann der Computermensch, der auch bei Ausgrabungen mithilft, die Projektoren ein, wenn eine italienische Wissenschafterin aus Cambrigdge über die vor einigen Jahren durchgeführte (und erfolgreiche) Suche nach den Schiffen der Franklin-Expedition berichtet. ((Den Namen John Rae habe ich nicht mal ansatzweise erwähnt.))

Und Wissenschafter aus Edinburgh zeigten, wie sie dem Phänomen auf die Spur zu kommen versuchen, wonach die Bewohner  der Orkneyinseln weltweit am meisten von Multipler Sklerose betroffen sind (402 sichere oder sehr wahrscheinliche Fälle auf 100’000 Einwohner, eine von 170 Frauen ist davon betroffen). Offenbar spielt die Entfernung zum Äquator eine Rolle (aber das trifft ja für die Shetlandinseln oder das schottische Festland auch zu oder für kanadische Gegenden, in den MS auch sehr verbreitet ist). Forschungen zu den Vitamin D-Niveaus zeigen jedoch, dass es keine signifikanten Unterschiede zwischen den Orkneys und anderen Gegenden gibt. Genetische Untersuchungen erbrachten noch keine schlüssigen Ergebnisse, aber untersucht wird sogar, ob allenfalls sogar Inzucht und deren Auswirkungen auf den Genpool mitverantwortlich sein könnten. Das Rätsel bleibt vorderhand bestehen.

Noch mehr Geschichten vom Land und vom Meer

Wer so über Orkneys Friedhöfe schlendert (bei Tageslicht, zum Beispiel auf dem Weg zur Kirchenbesichtigung oder auf der Suche nach einem öffentlichen WC), erschliesst sich mancherlei Geschichten. Wobei diese Geschichten ja immer etwas unfertig sind: Weshalb starb der so jung? Weshalb liegen sie nicht im gleichen Grab? Weshalb ist es wichtiger, wer da jemanden betrauert als mehr Informationen über die die betrauterte Person selber zu erhalten? Da ist dann ganz schön Phantasie gefragt, um zu halbfertigen Geschichten zu kommen. Auf South Ronaldsay, der südlichsten Insel, ist der Friedhof eine phantasiefreie Zone. Dieser Grabstein erläutert einem das Unglück glasklar und fadengerade ins Jetzt:

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Dass dann noch zwei betende Hände das Ruder des sinkenden Schiffs umfassen, macht das Ganze irgendwie noch trauriger. 1937 sank ein finnisches Schiff auf dem Rückweg von New York, das auf der Jungfernfahrt angesteuert wurde, als es im Pentland Firth zwischen Schottland und den Orkney Insel auf Grund lief. Ausser acht Seeleuten starben alle der 35 Leute starken Besatzung (inkl. Frauen und Kinder von Kapitän und Offizieren). Zwei der finnischen Matrosen wurden nicht zuhause, sondern auf diesem Friedhof der St Peters Kirk begraben und erhielten diesen dramatischen Grabstein.

 

 

 

Auf der Insel Hoy gibt es kleinen Flecken namens Rackwick. Das ist 2 Stunden Fussmarsch (oder einen üblen Magen auf einer vielkurvigen Strasse) vom Hafen entfernt und bietet heute noch kleine Cottages, einige Bauern, eine Berghütte, eine Telefonkabine, ein Hostel und das brüllende Meer, das bis nach Kanada reicht. Einer der schönsten Orte hier. Indeed.

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Das Haus mit den schweren Dachziegeln rechts ist das Dorfmuseum. Immer offen. Im Garten vier eiserne Pflugscharen, drinnen einige Fotos, eine Schulbank und etwas Grauschimmel. Staub. Aber auch Reste der Seele dieses Ortes.

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In diesem Gebäude war seit 1718 die erste Schule dieses Ortes zuhause. Die Kinder brachten als Schulgeld einen Brocken Torf zum Heizen mit. Später zog die Schule dann um, wurde obligatorisch und der Staat füllte den Ofen. Im Museum gibt es eine Liste aller Lehrer (immer eine Person unterrichtete hier in diesem abgelegenen Flecken). Alle waren so immer etwa ein bis drei Jahre hier tätig. Ausser: Ab 1905 war eine Catherine Thomson als Lehrerin tätig. Wobei sie erst 1914 ihre Ausbildung abschloss und vorher als «pupil teacher» arbeitete (wahrscheinlich sowas wie Spielertrainerin). Sie war dann hier tätig bis 1952. Im 1951 aufgenommenen Bild unterrichtet sie die zehnjährige Jo Mowatt (lustigerweise gleicht diese meiner fast genau gleichaltrigen Mutter).

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Und dass die im Schulzimmer hängende Karte Asien abbildet, zeugt von einem gesunden  imperialen Geist, der sich auch durch  zwei verloren-gewonnene Weltkriege nicht aus Ms Thomson Lehrerkanon tilgen liess. Die beiden andern Schüler jener Zeit, Mos Brüder, ertranken ein Jahr später tragisch im nahegelegenen Fluss, sodass die Schule geschlossen werden musste.

 

Die schottische Volkswirtschaft ist ja seit längerem an vielen Orten vom Nordseeöl abhängig. Zehntausende Arbeitsplätze und grosse Anteile der Steuererträge hängen davon ab. Und auch die Unabhängigkeitsbestrebungen Schottlands wurden durch das Öl befeuert. Auch hier auf den Orkneys bringt das Einkommen: Auf einer Insel wird das Öl von einer Pipeline zwischengelagert und dann auf Tanker verladen. Und der natürliche riesige Hafen von Scapa Flow wird dazu verwendet, wenn zwei Riesentanker ihre Ware umpumpen, oder es werden Bohrinseln hierher geschleppt, um sie zu renovieren. Diese ganze Infrastruktur muss ja unterhalten werden. Und ja: eines Tages wird sie wieder zurücgebaut werden müssen. Die ersten Anlagen werden bereits zurück ans Festland geschleppt. Dort wartet das nächste Geschäft. Denn der Abbau bringt auch wieder Geld.

Auf den Shetland ist kürlich die erste Abbauanlage erstellt worden, siehe oben im Bild. Dort wird nun als erstes die Anlage Buchan Alpha abgebaut. Erwartet wird, dass 98 Prozent der Anlage wieder verwertet werden können. Irgendwie stehen jedoch die beiden grünen Wellbelchschuppen an Land in einem Gegensatz zu den 12’000 Tonnen der Buchan Alpha, die seit 1973 im Einsatz stand.

Zwischenstand: Es kann Geld verdient werden. Frage: Wer bezahlt das? Schätzungen der Regierung kommen auf bis zu 83 Milliarden Pfund, welche die Auflösung von hunderten Kilometern Pipeline und von Dutzenden von Bohrinseln kosten soll. Die Öl-Firmen mussten Reserven anlegen, aber die reichen nirgends hin, da die Kosten laufend nach oben korrigert weden mussten. Es drohen nun also die künftigen Gewinne, welche die Ölproduktion abwirft, für die Entsorgung drauf zugehen. Ebenso die Steuererträge des Staates, der bis zu 45% dieser 83 Milliarden zu übernehmen hätte. Kein Wunder, wird gefochten und versprochen und verlangt und debattiert und Abstruses vorgeschlagen, um die Entsorgungskosten zu vermindern – oder dann zumindest der Allgemeinheit aufzuladen. Der ehemalige UK-Energieminister Ed Davey schlug gemäss Times sogar vor, Bohrinseln stehen zu lassen und sie zu künstlichen Riffs und Naturreservaten werden zu lassen.

Kimberley zum Letzten

Ich hatte es hier und hier davon. Und es liess mir keine Ruhe. Wer was lernen will, geht in die Schule. Oder ins Museum. Gedacht, getan. Dort, in Stromness, lachte mir das da entgegen:

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Passte ja irgendwie. Speerspitzen aus Quarzit. Hergestellt in West-Australien, nahe der Stadt Kimberley. Wahrscheinlich von Aboriginals. Vor kurzer oder vor längerer Zeit. Und offenbar beliebt bei europäischen Sammlern, die sie zusammen mit neolithischen Feuerstein-Pfeilspitzen sammelten.

Da Stadtnamen in ehemaligen britischen Kolonien fast immer britischen Ursprungs sind (ein Kimberley gibt es auch in Südafrika und Kanada) und mit Städten zuhause, mutigen Imperialisten, Politikern und Verwaltern zu tun haben, führt Kimberley zum Earl of Kimberley. Das war ein neu erfundener Titel, der Ende des 19. Jahrhunderts dem späteren Aussenminister verliehen wurde, nach dem die Städte und Regionen in den Kolonien benannt wurden. Und ja, es gibt auch heute noch einen Earl of Kimberley. Der lebt wie seine Vorgänger in Kimberley in Norfolk. Und das bedeutet soviel wie «Cyneburgs gerodetes Waldstück» (von hier). Cyneburg ist ein Frauenname, aber es bedeutet auch königlicher Ort oder Festung. Nun, da liegt der Ursprung von Kimberley als Hausnamen. Die Hausbesitzer geben auch hier oben ihren  Bungalows gerne etwas grossspurige Namen. Wahrscheinlich ist es einfacher, sich in einer einstöckigen, einfachverglasten, königlichen Festung («three bedrooms and garden shed») den anrauschen Touristen, Winterstürmen, dem Verkehr und den Werbeanrufen entgegenzustemmen als in einer profan benannten Behausung.

Ehrlich gesagt, ich hatte zuerst gehofft, das «Cyne» in Cyneburg habe was mit Hunden zu tun. Da wäre Stoff gewesen für Weiteres. So aber schliesst sich hier dieser Reigen um Kimberleys Herkunft.