Weitere Geschichten vom Meer und vom Land

Am 10. Februar 1877 traf eine Flaschenpost auf Orkney ein. Aufgegeben hat sie ein John Sands, und zwar zehn Tage zuvor auf der Inselgruppe St. Kilda, die zu den äusseren Hebriden zählt.

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Sands schrieb, dass Kapitän und sieben der Crew eines österreichischen Schiffes («Peti Dubrovacki»), das auf dem Weg von Glasgow nach New York war und vor der Insel im schlechten Wetter sank, sich auf St Kilda hätten retten können. Dort wohnten und lebten zwar Leute, aber auch eher schlecht als recht. So bat Sands in der Flaschenpost um Hilfe und Weiterleitung ans österreische Konsulat in London. Das kam Sands irgendwie gelegen, denn eigentlich wollte er auch weg, aber dort legten kaum Schiffe an und wenn eines kam, verunmöglichten Wind und Wetter oft das Anlegen. Aber von Orkney aus wurde dann Hilfe organisiert und alle kamen nach Hause. Ausser den Leuten von St Kilda, die blieben, versorgt mit etwas Mehl und anderen Vorräten. Aber ab dann wussten sie, wie sie ihre Nachrichten an schottische Festland senden konnten (man spricht von einer Erfolgsquote von bis zu 80 % Prozent, mit der die Flaschen ans Festland gelangten, in Schottland oder – weniger geeignet – in Norwegen.

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Bild aus „With nature and a camera“, Richard Kearton, 1898

Die Leute von St Kilda wurden dann aber alle 1930 evakuiert, da die Lebensverhältnisse zu schwierig waren (oder weil man Platz und Ruhe brauchte für die militärische Einrichtung, die auch noch heute dort ist). Die Inselgruppe ist übrigens eines der wenigen UNESCO-Weltkulturgüter, die doppelt ausgezeichnet sind, wegen der Natur sowie der kulturellen Werte.

Eine weitere Beziehung zwischen den äussern Hebriden und den Orkneys besteht darin, dass vor einiger Zeit eine Familie von dort nach hier (auf die nördlichste der Orkneys, nach North Ronaldsay) zog. Deren jüngste Tocher war in den letzten Jahren die einzige Schülerin der Schule auf der Insel (die Lehrerin flog jeweils für drei Tage ein). Nun wird die Schule jedoch geschlossen, und das ist wohl für jede Insel – wie auch für Bergtäler – immer ein schlimmer Moment. Das ETH Studio Basel würde das vielleicht eine «maritime Brache» nennen … Nun wird die Schule eingemottet, bis dann wieder mal eine Familie hierherzieht. Oder sich London per Flaschenpost vernehmen lässt (Flaschen habe es dort nach Meinung der Schotten genug). Auf alle Fälle schaffte es die Geschichte bis in die Times und andere Qualitätsblätter.

Die Nachbarinsel von North Ronaldsay (das ist übrigens dort, wo die Schafe von den grünen Wiesen auf das Meeresufer weggesperrt sind und Algen fressen) ist Westray (wo der gute Käse herkommt). Dort, so erzählte mir Fraser, mit dem ich zusammen arbeite und der 35 Jahre lang Lehrer war hier, seien beim Rückzug der spanischen Armada (1588) nach dem Überfall auf England spanische Seeleute gestrandet. Da der Rückweg nach Hause nach der Niederlage gegen die englische Flotte durch den Kanal verunmöglicht war, segelten die Spanier halt oben durch. Offenbar schafften das nicht alle Schiffe und eines lief auf und sank, und einige Seeleute konnte sich retten. Seither habe es dort oben auf der Insel bestimmte Familien, die leichter erregbar seien als alle anderen, dunkleren Teint haben als die anderen. Und man nenne sie ihrer Herkunft wegen «the Dons». Es gebe sie heute noch.

 

Sunday on Sanday and Papay

Am Sonntag im Sommer bieten die Fähren spezielle Routen an zu den weiter entfernt liegenden Inseln. Das macht dann rasch mal fünf Stunden Schiffahrt, nordwärts nach Papay Westray und abends wieder nach Kirkwall.

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Also ab aufs Schiff um 9, kostet 10 Pfund (hin und zurück) und nichts fürs Velo. Und der zweite Maat hatte am Samstag keine Zeit, sein Auto zu putzen und macht das nun auf der Überfahrt.

 

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Auf Sanday dann nur kurze Landung, um Leute auszuladen.

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Nüchterner Hafen auf Papay (aussprich: päppi)

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Auf dieser Insel wurden vor 80 Jahren diese beiden Häuser ausgegraben, die schliesslich die ältesten exisitierenden Behausungen Nordeuropas sind, erbaut und bewohnt vor rund 5800 Jahren. Wahrscheinlich von den ersten Bauern hier, die die Jäger und Sammler des Mesolithikums verdrängten.

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Tessiner Türenmaler hier.

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Das da ist übrigens der Hund von da.

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Es lächelt das Meer, es ladet zum Bade,
Der Knabe schlief ein am grünen Gestade …

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… und wachte rechtzeitig fürs Bild wieder auf.

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Jeder Insel sein Flugfeld. Dieses ist die Heimat der kürzesten Linienflugs der Welt von rund zwei Minuten Länge, der Papay mit Westray verbindet.

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Die Pistenmarkierungen sind angemessen in die Landschaft eingebettet.P1080305P1080306

Nebst dem Insel-Friedhof, von dem wir es auch schon hatten (hier), ist jede Insel irgendwie auch ein Friedhof (oder Museum, je nach technischem Interesse) für jede Generation von landwirtschaftlichem Gerät. Aber klar, wohin soll der Bauer hier seine Dampfmaschine auch entsorgen? Als Landmark und zur Verschönerung der Hofeinfahrt noch immer brauchbar.

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Und noch einen speziellen Friedhof weist die Insel auf: Auf der nördlichsten Klippe (heute ein Reservat) lebte im vorletzten Jahrhundert einer der letzten Riesenalke. Flugunfähig, bis zum 80 cm gross, pinguinähnlich (aber nicht verwandt).P1080332

Offenbar kein besonders beliebter (geschweige denn eleganter) Vogel, denn der Gedenkstätte mangelt es doch etwas an gutem Geschmack und Handwerkskunst:

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Das muss dann auch noch mit auf der Rückreise:

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Und das da auch:

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Und Leinen los …
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Anschluss unter dieser Mauer

Wie schon geschildert (hier), ist der Arbeitsweg abwechslungsreicher als andere. Kürzlich war der Bus etwas unpünktlich (oder ich war es) und so setzte ich mich auf die Mauer, und obwohl ich dachte, dass wir uns mittlerweile kennen, kamen die Rinder herbei. Zügig, alle zusammen und neugierig.

Und dann war es bald eng, wo zuvor meine Beine ins Grün baumelten.

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Der Bus kam. Und ich ging. Die Rinder blieben. Wir sehen uns bald wieder.

PS. Ich schreibe es lieber selber hin: Ja, es hat Rinder mit Hörnern in der Herde.

John ohne Ende

Es wird wohl nichts aus einer Woche ohne John. John Rae. Heute hatte ich frei und es war wunderbares Wetter. Viel Sonne, wenige Wolken, fast 16 Grad und das Gras wurde vom Wind nur bis zu einem 45 Grad-Winkel niedergedrückt. Also zuerst Wäsche, in die Laundry zum Trocknen, Einkaufen, Staubsagen und so diese Dinge halt. Dann fuhr ich los und kam am Haus von Davie vorbei, ein pensionierter Mitarbeiter der Whiskey-Distillery Scapa Flow, den ich bei der Ausgrabung kennen lernte, und der mich eingeladen hatte (er ist im Vorstand der John Rae Society), mal vorbei zu schauen. Was ich also tat. Er lud mich zu einem Tee ein und zeigte mir seine wertvollsten Whiskyflaschen aus seiner Distillery (Scapa Flow bei Kirkwall) und füllte mir dann etwas von einem Spezialwhisky ab, das er mir auf den Weg gab (und das dann mit mir 60 km rund um die Insel fuhr). Werde ich bald geniessen (hat 59 Vol%). Riecht nach mehr.

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Auf der Rundfahrt passiert immer das eine oder andere. Da kommen Schafe vom Coiffeur, der sich im Halleninnern niedergelassen hatte und zu Hardrock scherte:

Wer bloss Waschen und Legen wollte oder sich als Minderjährige einschlich, wurde  unfrisiert an die frische Luft gesetzt:

 

Und dann kam noch das Geburtshaus von John Rae, dessen Vater einer der ersten Chefs der Hudson Bay Company war, in den Blick, die Hall of Clestrain:

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Einige Enthusiasten wollen das kaufen (es fehlen von 60 000 Pfund. Anyone?) und renovieren und für Empfänge und Anlässe nutzen.

PS. Wahrscheinlich bin ich der einzige hier auf den Inseln, der seine Wohnungstüre abschliesst (ist schliesslich nicht meine Wohnung und nicht mein Zeugs, das drin ist, und ja, etwas mulmig wäre mir schon; immerhih schliesse ich mein Velo nicht mehr ab, soviel Assimilation ist). Noch überall und immer traf ich Leute, die einfach so in ihre Häuser oder Wohnungen gingen, die nicht abgeschlossen waren. Tut einfach niemand hier.

Alle lieben Bryn

Hier essen zwar alle gerne Tiere. Aber noch lieber tun sie etwas anderes damit: Streicheln. Ok, nicht alle Tiere. Schellfische, Lämmer, Jakobsmuscheln, Rinder, Spinnen oder Robben kriegen keine Streicheleinheiten. Dafür kriegen Hunde umsomehr davon ab. Alle lieben es, Hunde zu streicheln. Und mit ihnen zu reden. Meist geht es darum, dass der Hund ein lieber sei, da er sich ja streicheln lasse. Ob er denn Hunger habe, wo denn  sein «Dad» sei, wie er wohl heisse, wieso er ein so schönes Fell habe und wie Recht er habe, das zu tun, was er gerade tut (schlafen, gähnen, bellen, Schwanzwedeln, kratzen, Nässe aus Fell schütteln … was Hunde halt so tun, also nichts viel Schlaues). Und schon ist die Startbahn gegeben, mit dem Hundebesitzer, so er oder sie denn in der Nähe ist, ein Gespräch zu starten: Ja, ich habe auch einen (bitte einsetzen: eine aus mindestens vier Worten zusammen gesetzte Rasse oder genealogisch differenzierte Beschreibung der Vorfahren des aktuell lebenden Hundes).

Neulich war ich auf einer Fähre, und ein Ehepaar hatte einen Hund dabei (so ein schwarzer wie die Blindenhunde). Dem Hund dauerte die zwei Stunde lange Schiffahrt wohl selber schon lange genug. Sie standen zu dritt, der Hund lag, auf einer kleinen Plattform draussen an der frischen Luft. Der Hund schaute ins Meer. Und keiner, also wirklich auch kein kleines Kind, alte Dame, der nicht dort vorbei lief, streichelte den Hund nicht. Sodass der jedesmal seinen Kopf drehen musste – er wollte ja die Wellen meditieren oder seine Seekrankheit verbergen – um zu schauen, wer oder was da sei. Ich stellte mir vor, der Hund habe hinter den Ohren ein schmerzhafte Warze (die Krätze, einen eierlegenden Floh, eine Zecke, you name it …), sodass jede Berührung dort schmerzhaft sei und der Hund – oder eben die Bitch – jedesmal gute Miene (grosse Augen, stehende Ohren, hecheln … was Hunde halt so tun, um etwas zu Essen zu kriegen) zum schlechten Streichelspiel machen musste.

Nun ist es so, dass in der Ausgrabung auch ein Hund zugegen ist, namens Bryn. Ein Border Collie, nicht mehr ganz jung (wir Hündeler unter uns sagen middle aged). Sobald irgendwo in der Nähe eine Bohrmaschine dreht oder sonstwas Mechanisches Lärm macht, flippt er fast aus. Was ich als einziger für eine Marotte oder einen nicht sehr schlimmen psychischen Defekt halte, finden (fast) alle anderen lustig, herzig, bemerkens- und erzählenswert. Daneben ist er Maskottchen (er gehört dem Site Director), Sozialtier (wenn er kommt, dann wird begrüsst und hm, ja,  gestreichelt) und beliebtes Fotosujet (schliesslich war er in einer BBC-Doku über die Ausgrabung zu sehen). Obwohl er mich schneidet (ich rede ausschliesslich Schweizerdeutsch mit ihm, wenn er im Weg liegt), habe ich ein Foto geschossen. Von hinten.

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Aber ja, ok, er ist ein netter Kerl, etwas verzogen, und trägt zur Unterhaltung bei. Noch mehr – und lieber – unterhalte ich mich aber mit Fraser, der 35 Jahre lang Lehrer war auf der Hauptinsel, alle und alles kennt und mit dem Inseldichter verschwägert war und auch manchmal helfen kommt.

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Auch am Freitag, als ein Kameramann eigentlich ein Gespräch zwischen Chef und einer Gönnerin (ich glaube, es war ein Imagefilm für sie, sie macht Schmuck) filmen sollte, schaute das Objektiv in eine andere Richtung. Wahrscheinlich hat der Filmer auch einen … (bitte einsetzen: Rasse oder Stammbaum oder traurige Worte zum verstorbenen/überfahrenen/gestohlenen/verkauften/aus Streichelüberdruss geflüchteten Tierli).

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PS. Ich habe es nur ein oder zwei Mal verpasst, zu fragen, wenn mir jemand seinen Hund aufdrängte, ob es ein Boy oder ein Girl sei, damit ich dann anschliessend das richtige Geschlecht verwenden konnte. Seither mache ich das immer. So heute, als ich einen alten Collie antraf, der sich durch Stube und Garten quälte. Ein Mädchen. Obwohl für einmal mit einem geschlechtsneutralen Namen, der aber seinem ihrem fortgeschrittenen Alter kaum mehr angemessen ist: Flash.

PS2. Ja, ich weiss, Katzenbesitzer gibt es auch. Kürzlich auf der Ausgrabung: Zwei treffen sich. Und zeigen sich nach 5 Minuten Fotos ihrer Katzen auf dem Mobile.

Geschichten vom Land und vom Meer

Inseln pflegen ihre alte Geschichten besonders, da neue nicht jeden Tag angespült werden. Jede der 70 Inseln hier hat ihren Fundus, grösser oder kleiner. Manchmal kennen die Leute die Geschichten, manchmal sprechen Steine oder anderer Tand. Auf Papay Westray steht diese kleine Kirche, dem Bonifaz geweiht, eine der ersten irischen Kirchenbauten hier im Archipel (bei allen Inseln hier, auf den Papay steht, hat es Kirchen irischer Gründung drin).

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Und auf dem Friedhof trotzen alte und frische Grabsteine und Holzkreuze, die von Leid und Stolz und Krieg und Empire und Kolonien und Pragmatismus sprechen, dem Wind und Salzwasser.

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Da hat man einer Betty Raag, von der nicht viel gesagt wird, drei Schiffbrüchige ins Grab gelegt, oder mit ihr zusammen begraben. Drei Schiffsleute der schwedischen SS Birka, die auf ihrer Reise von Swansea (mit Kohle aus Wales) nach Göteburg am 10. Januar 1916 hier vor der Insel auflief (oder torpediert wurde) und sank. Das Schiff war offenbar 1907 in Zypern und jemand dachte, es wollen wohl die Seeleute Postkarten dieses Aufenthalts nach Hause senden, und machte also solche.

 

Arbeiten

Die Ausgrabungen am Ness of Brodgar dauern jeweils von Juli bis Ende August, jedes Jahr seit 2003, als diese Steinzeitsiedlung per Zufall entdeckt wurde: Die zwei Landbesitzer wollten einen neuen Garten anlegen und baten den Nachbarsbauern, den Boden zu pflügen. Dieser legte pflichtbewusst eine grosse Steinplatte an den Rand des Feldes, die er zutage pflügte – und fuhr davon. Am Abend dachten die Landbesitzer daran, alles anzuschauen und fanden eindeutige Zeichen, dass der Stein behauen war. Also riefen sie die Archäologen (so etwas würde ein Bauer hier nie tun, das bringt nur Probleme und Umtriebe …). Also nahm man an die Hand, was zu tun war: Sondierungsgrabungen. Von zehn kleinen Gräben zeigten neun eindeutige Spuren von steinzeitlichen Strukturen. Also wurde die University of Highlands and Islands eingeschaltet und dann später ein Trust gegründet, der die Obhut übernahm (und das Fundraising für die Grabungskosten für jede Saison, die jeweils rund 100’000 Pfund betragen, ohne Löhne). Seit fast hundert Jahren nahm man an, dass hier etwas verborgen liegt. 1925 fand man im Perimeter der heutigen Ausgrabung – auch beim Pflügen – diesen verzierten Stein, der seither im National-Museum in Edinburgh zu sehen ist:

Löhne allerdings gibt es keine, alle arbeiten ehrenamtlich, fast alles sind ausgebildete Archäologen (rund 70, die jeweils abwechslungsweise da arbeiten), sowie einige Master- und Postdoc-Studierende der Uni. Und einige lokale Freiwillige, die mithelfen mit der Infrastruktur darum herum (Shop, Führungen, Empfang, Parkplatz etc.). Darunter ich. Offenbar wollen da immer sehr viele Interessierte graben kommen, darunter ich. Aber es braucht qualifizierte Leute. Darunter ich nicht. Also kriegen fast alle Amateur-Enthusiasten eine Absage. Darunter ich nicht. Da ich gar nicht fürs Graben postulierte, sondern für einfach alles. Und da zwar viele Briten English, Englisch, Inglese oder Anglais sprechen, aber keiner Deutsch, Französisch oder Italienisch, nahmen sie das Angebot gerne an.

Nächste Woche werde ich ein einmaliges Job-Enrichment erleben: von nun werde ich Mittwoch und Donnerstags auch beim Graben helfen können resp. eine Einführung kriegen. Nun kann ich mein Werkzeug einsetzen …! Das ist super. Obwohl ein wenig nervös macht mich das schon: Wie unterscheidet sich Asche von Erde, was ist ein Klumpen und was ein Klumpen mit Töpferei drin? Schliesslich läuft hier jeden Tag viel mit Funden. Eine schöne Feuerstein-Pfeilspitze (Ray aus Nordirland, der im Wohnmobil lebt für die acht Wochen und fast jeden Tag auf einen anderen Parkplatz übernachtet, hat sie gefunden…). Oder auch wichtig, ein spezielle Töpferei (mehr dazu hier). Bei einer anderen Ausgrabung auf der Nachbarinsel haben sie vorletzte Woche eine römische Münze gefunden (mehr hier).

Derzeit mache ich mich also mal nützlich, wo möglich und nötig:

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Begrüsse alle Leute und erkläre das Wichtigste, wenn sie vorbei kommen und schauen wollen, was die Archäologen tun. Und ja, schaue, dass sie sie sauber parkieren.

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Schicke die Leute in den Shop und helfe dort und motiviere sie, doch etwas Geld in die Tonne zu werfen oder sonst zu spenden.

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Nach jedem Regenschauer male ich das Schild da neu, oder motiviere die Nachbarskinder, es zu tun.

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Dann bringe ich spezielle Gäste  zu den Archäologen und Supervisors, die ihre Finds da in diesen Hütten putzen und reinigen und aufbereiten.

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Schaue, dass die Besucher/innen aufs Gerüst kommen, nicht hinter die Absperrungen gehen, beantworte Fragen oder leite sie an besser Informierte weiter, unterhalte die Leute bis zur nächsten Führung und erkläre jeden Tag, woher mein Akzent komme und was ich denn da tue … dazu erkläre ich, wie man wohin kommt, wo die Pubs und WCs sind auf der Insel. Und dass Steinzeitler und Kelteninnen nichts miteinander hatten. Da 2000 Jahre dazwischen liegen.

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Bewundere die Taxifahrer, die manchmal zwei Stunden auf ihre Gäste warten und im Auto dösen oder mit uns schwatzen oder auch mal was Schlaues tun.

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Währenddem wird im Graben diskutiert (der mit dem Hut ist der Chef). Hier wird geplant, eine 5000 Jahre alte Mauer einzureissen. Zerstörung pur, also muss alles detailliert dokumentiert werden. Aber Archäologie sei sowieso Zerstörung der Bodendenkmäler, sagt der Site Director jeweils. Deshalb lasse man vieles lieber ungestört im Boden.

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Und alles wird genau vermessen mit GPS und Satelliten und Funk und Strahlen und Röntgen und Atom und Pendel und viel Physik und den teuren Geräten. Deshalb werden die beiden, die das tun (eine Holländerin und ein Engländer) auch nur Beep 1 und Beep 2 genannt.

Da kommt ein neues Gebäude mit offenbar sorgfältig gearbeiteten Wänden hervor. Man nimmt an, dass die dafür verwendeten grossen Steine auch schon wiederverwendet wurden und zuvor, als Standing Stones, vielleicht in einem Steinkreis, dienten.

Und ja, natürlich fotografiere ich nur an schönen Tagen. Das Wetter kann aber auch anders. Aber davon ein anderes Mal.

Arbeitsweg zum zweiten

Seit es ein wenig besseres Wetter ist, sind die Fensterscheiben des Busses nicht mehr so beschlagen und ich sehe direkt was. Und da der Bus in der Nähe des Hafens durchfährt, weiss ich schon in der Früh, von welchem Schiff die Touristen heute sein werden. Kürzlich war die Queen Elizabeth da:

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Aber die richtig dicken Brummer mit doppelt so vielen Passagieren (also zwischen 3500 und 4000) kommen dann nächste Woche. Wenn die Disney Magic da ist, wird der Hafen sogar für die Bevölkerung geschlossen, da es wegen der vielen Bussein- und ausfahrten zu gefährlich sei (überhaupt ist die Health und Safety Regulation hier für vieles die erste Begründung, die zur Hand ist; etwa so, wie wenn sich die Leute hinter «das ist ein laufendes Verfahren, dann kann ich nix zu sagen» verstecken). Das rief natürlich Leserbriefe und Anrufe bei der lokalen BBC-Radiostation hervor.

Das Gelbe, das da auf der Innenseite des Piers schwimmt, ist ein Stück eines (ausrangierten) Wellenkraftwerks, das die Inselregierung einer Firma kürzlich für 1 Pfund abgekauft hat (diese war wohl froh, die Entsorgung nicht selber organisieren zu müssen). Was sie damit machen wolle, war auch nicht sofort allen klar – wahrscheinlich auch nicht allen im Orkney Island Council – , aber im Zweifelsfall gilt auch hier: Das kann man immer mal wieder für was brauchen … In den nächsten zwanzig Jahren wird hier in der Nordsee einiges zur Entsorgung fällig. Dazu aber ein anderes Mal mehr.

Und wenn dann dieses Schiff da, die «Caribbean Princess» am nächsten Mittwoch seine 4000 Passagiere ausspuckt, dann wird wieder was los sein auf der Insel.

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Aber langsam werden diese Schiffe hier auch sehr kritisch betrachtet, da sie den anderen Tourismus benachteiligen. In den letzten Jahren konnten eine Reihe von kleinen Unternehmen wachsen, die mit einem Minibus Leute rumfahren und Ihnen die Sehenswürdigkeiten zeigen und zu den interessanten Stätten fahren. Eine dieses Guides  kommt mit seinen Gästen auch regelmässig bei uns bei der Ausgrabung vorbei (gestern mietete eine Person alleine seinen ganzen Minibus zum Preis von acht Personen …) und sagte mir, dass die Schiffahrtsgesellschaften mittlerweile schon ganze Kontingente Eintritte zum Beispiel für Maes Howe (eines der besterhaltenen Hügelgräber der Welt) für 2018 kaufen. Und damit den Guides resp. den Touristen, die nicht schon wissen, dass sie 2018 nach dem Einsatz ihrer dritten Hüftprothese und einem Zahnbleaching drei Wochen Kreuzfahrt buchen werden (wohin, ist eigentlich egal), so etwas wie Genuss in den Ferien, nämlich, dann eine Sehenswürdigkeit anzuschauen, wenn Lust und Zeit dazu vorhanden ist, verunmöglichen.

PS. Heute nahm mich ein pensionierte Agronomieprofessor des hiesigen Colleges im Auto mit. Die Bauern hier seien, wie viele andere Berufsgruppen, sehrsehr gespannt darauf, wie die werte Regierung in Whitehall den Brexit schaffe, da die Qualitätsrichtlinien und Subventionen der EU der Landwirtschaft hier zum Erfolg verholfen hätten (zum Beispiel mit Vorteilen gegenüber argentinischem Fleisch). Oder den Bau einer inseleigenen Molkerei, in der gut verkaufbarer Käse produziert wird, befördert hätten. Er befürchtet, dass es noch schwieriger werde, Nachwuchs für’s Bauern zu finden. Rund zwei Drittel ihres Einkommens müssten die Bauern hier auf dem freien Markt erwirtschaften. Das sei gar nicht so einfach, aber viele schafften es. Auch dank einigen Nebenjobs. Heute war in der Lokalzeitung «The Orcadian» ein Nachruf auf einen Verstorbenen von der Insel Papay Westray (90 Einwohner), der trug folgende Hüte: Pöstler, Auktionator, Chaffeur, Reeder, Flugfeldmitarbeiter, Taxifahrer, «Master of ceremonies» (da kann ich mir vieles drunter vorstellen …), Küstenwächter, Ladenhüterbesitzer, Guide, Pierwart, Friedensrichter, Laienpriester. Kein Wunder, war er eine Legende.