Science on islands

Er unternahm nicht einmal ansatzweise den Versuch, seine Entdeckung zu erklären. Wir waren gerettet – denn Higgs-Mechanismen, Festkörperphysik und Elementarteilchen sind zwar deutsche Worte, deren Bedeutung mir jedoch hinter mindestens sieben Panzersafetüren verschlossen bleiben. Nun, da der empirische Beweis für die theoretische Schilderung des Higgs-Boson (erbracht in den sechziger Jahren) in der Schweiz am CERN in Genf stattfand, war mir der Name des Peter Higgs schon bekannt. Und dieser alte, gescheite Mann, der 2013 für seine theoretischen Arbeiten den Nobelpreis erhielt, kam anlässlich des Science Festivals auf die Orkney-Inseln. Er war zeit seines akademischen Lebens an der Universität in Edinburgh tätig und hat daher enge Beziehungen zu Schottland. Ein ehemaliger Student, der es nachher immerhin zum schotttischen Parlamentsabgeordneten brachte, organisierte ein Gespräch mit ihm. In der Aula des Gymnasiums sprachen die beiden über Higgs, seine Karriere und die Umstände seiner Entdeckung. Am beeindruckendsten fand ich die Souplesse, mit welcher er darauf einging, dass zeitgleich mit ihm zwei Belgier die gleichen Schlüsse zogen, aber der Mechanismus und das Teilchen fast immer nur nach ihm benannt wurden. Sie gingen sich offenbar immer aus dem Weg, bis eines Tages ein Aufeinandertreffen an einer Bushaltestelle nicht mehr ausweichlich war. Freunde wurden sie aber nicht. Den Nobelpreis erhielten dann alle zusammen.

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Als Bettina und ich am nächsten Tag nach einer Wanderung den Bus nahmen an einer Strassenkreuzung, sass also Peter Higgs mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck alleine auch im Bus und fuhr übers Land.

Das Science Festival ist einer dieser Anlässe, den die Leute von hier für die Leute von hier organisieren. Es ist eine dieser Aktivitäten, welche Gemeinschaft machen. Im Pfarreiheim richtet dann der Computermensch, der auch bei Ausgrabungen mithilft, die Projektoren ein, wenn eine italienische Wissenschafterin aus Cambrigdge über die vor einigen Jahren durchgeführte (und erfolgreiche) Suche nach den Schiffen der Franklin-Expedition berichtet. ((Den Namen John Rae habe ich nicht mal ansatzweise erwähnt.))

Und Wissenschafter aus Edinburgh zeigten, wie sie dem Phänomen auf die Spur zu kommen versuchen, wonach die Bewohner  der Orkneyinseln weltweit am meisten von Multipler Sklerose betroffen sind (402 sichere oder sehr wahrscheinliche Fälle auf 100’000 Einwohner, eine von 170 Frauen ist davon betroffen). Offenbar spielt die Entfernung zum Äquator eine Rolle (aber das trifft ja für die Shetlandinseln oder das schottische Festland auch zu oder für kanadische Gegenden, in den MS auch sehr verbreitet ist). Forschungen zu den Vitamin D-Niveaus zeigen jedoch, dass es keine signifikanten Unterschiede zwischen den Orkneys und anderen Gegenden gibt. Genetische Untersuchungen erbrachten noch keine schlüssigen Ergebnisse, aber untersucht wird sogar, ob allenfalls sogar Inzucht und deren Auswirkungen auf den Genpool mitverantwortlich sein könnten. Das Rätsel bleibt vorderhand bestehen.

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