Wer so über Orkneys Friedhöfe schlendert (bei Tageslicht, zum Beispiel auf dem Weg zur Kirchenbesichtigung oder auf der Suche nach einem öffentlichen WC), erschliesst sich mancherlei Geschichten. Wobei diese Geschichten ja immer etwas unfertig sind: Weshalb starb der so jung? Weshalb liegen sie nicht im gleichen Grab? Weshalb ist es wichtiger, wer da jemanden betrauert als mehr Informationen über die die betrauterte Person selber zu erhalten? Da ist dann ganz schön Phantasie gefragt, um zu halbfertigen Geschichten zu kommen. Auf South Ronaldsay, der südlichsten Insel, ist der Friedhof eine phantasiefreie Zone. Dieser Grabstein erläutert einem das Unglück glasklar und fadengerade ins Jetzt:

Dass dann noch zwei betende Hände das Ruder des sinkenden Schiffs umfassen, macht das Ganze irgendwie noch trauriger. 1937 sank ein finnisches Schiff auf dem Rückweg von New York, das auf der Jungfernfahrt angesteuert wurde, als es im Pentland Firth zwischen Schottland und den Orkney Insel auf Grund lief. Ausser acht Seeleuten starben alle der 35 Leute starken Besatzung (inkl. Frauen und Kinder von Kapitän und Offizieren). Zwei der finnischen Matrosen wurden nicht zuhause, sondern auf diesem Friedhof der St Peters Kirk begraben und erhielten diesen dramatischen Grabstein.
Auf der Insel Hoy gibt es kleinen Flecken namens Rackwick. Das ist 2 Stunden Fussmarsch (oder einen üblen Magen auf einer vielkurvigen Strasse) vom Hafen entfernt und bietet heute noch kleine Cottages, einige Bauern, eine Berghütte, eine Telefonkabine, ein Hostel und das brüllende Meer, das bis nach Kanada reicht. Einer der schönsten Orte hier. Indeed.

Das Haus mit den schweren Dachziegeln rechts ist das Dorfmuseum. Immer offen. Im Garten vier eiserne Pflugscharen, drinnen einige Fotos, eine Schulbank und etwas Grauschimmel. Staub. Aber auch Reste der Seele dieses Ortes.

In diesem Gebäude war seit 1718 die erste Schule dieses Ortes zuhause. Die Kinder brachten als Schulgeld einen Brocken Torf zum Heizen mit. Später zog die Schule dann um, wurde obligatorisch und der Staat füllte den Ofen. Im Museum gibt es eine Liste aller Lehrer (immer eine Person unterrichtete hier in diesem abgelegenen Flecken). Alle waren so immer etwa ein bis drei Jahre hier tätig. Ausser: Ab 1905 war eine Catherine Thomson als Lehrerin tätig. Wobei sie erst 1914 ihre Ausbildung abschloss und vorher als «pupil teacher» arbeitete (wahrscheinlich sowas wie Spielertrainerin). Sie war dann hier tätig bis 1952. Im 1951 aufgenommenen Bild unterrichtet sie die zehnjährige Jo Mowatt (lustigerweise gleicht diese meiner fast genau gleichaltrigen Mutter).

Und dass die im Schulzimmer hängende Karte Asien abbildet, zeugt von einem gesunden imperialen Geist, der sich auch durch zwei verloren-gewonnene Weltkriege nicht aus Ms Thomson Lehrerkanon tilgen liess. Die beiden andern Schüler jener Zeit, Mos Brüder, ertranken ein Jahr später tragisch im nahegelegenen Fluss, sodass die Schule geschlossen werden musste.
Die schottische Volkswirtschaft ist ja seit längerem an vielen Orten vom Nordseeöl abhängig. Zehntausende Arbeitsplätze und grosse Anteile der Steuererträge hängen davon ab. Und auch die Unabhängigkeitsbestrebungen Schottlands wurden durch das Öl befeuert. Auch hier auf den Orkneys bringt das Einkommen: Auf einer Insel wird das Öl von einer Pipeline zwischengelagert und dann auf Tanker verladen. Und der natürliche riesige Hafen von Scapa Flow wird dazu verwendet, wenn zwei Riesentanker ihre Ware umpumpen, oder es werden Bohrinseln hierher geschleppt, um sie zu renovieren. Diese ganze Infrastruktur muss ja unterhalten werden. Und ja: eines Tages wird sie wieder zurücgebaut werden müssen. Die ersten Anlagen werden bereits zurück ans Festland geschleppt. Dort wartet das nächste Geschäft. Denn der Abbau bringt auch wieder Geld.
Auf den Shetland ist kürlich die erste Abbauanlage erstellt worden, siehe oben im Bild. Dort wird nun als erstes die Anlage Buchan Alpha abgebaut. Erwartet wird, dass 98 Prozent der Anlage wieder verwertet werden können. Irgendwie stehen jedoch die beiden grünen Wellbelchschuppen an Land in einem Gegensatz zu den 12’000 Tonnen der Buchan Alpha, die seit 1973 im Einsatz stand.
Zwischenstand: Es kann Geld verdient werden. Frage: Wer bezahlt das? Schätzungen der Regierung kommen auf bis zu 83 Milliarden Pfund, welche die Auflösung von hunderten Kilometern Pipeline und von Dutzenden von Bohrinseln kosten soll. Die Öl-Firmen mussten Reserven anlegen, aber die reichen nirgends hin, da die Kosten laufend nach oben korrigert weden mussten. Es drohen nun also die künftigen Gewinne, welche die Ölproduktion abwirft, für die Entsorgung drauf zugehen. Ebenso die Steuererträge des Staates, der bis zu 45% dieser 83 Milliarden zu übernehmen hätte. Kein Wunder, wird gefochten und versprochen und verlangt und debattiert und Abstruses vorgeschlagen, um die Entsorgungskosten zu vermindern – oder dann zumindest der Allgemeinheit aufzuladen. Der ehemalige UK-Energieminister Ed Davey schlug gemäss Times sogar vor, Bohrinseln stehen zu lassen und sie zu künstlichen Riffs und Naturreservaten werden zu lassen.
