Neue Orte im Graben

Neuer Tag, neues Schaffen. Also, da gibt es diesen Trench J. Da drin ist die grosse Mauer sichtbar (rote Linien), die sechs Meter dick quer über die Halbinsel führt. Und eine sanfte Kurve um ein vermutlich jungsteinzeitliches Gebäude, etwas älter als 5000 Jahre, macht. Dieses Gebäude (grüne Linie zeigt Aussenseite der Mauer) sollte nun besser untersucht werden, da es noch älter als angenommen ist (darauf deute offenbar die Form hin). Also gilt es, die Mauern freizukriegen an bestimmten Orten und dort wo das X sitzt, sollte ich also graben helfen.

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Photo: Scott Pike

Machte mich ans Werk, hinten rechts. Angeleitet.

UHI 3.8.2017

Photo: University of Highlands and Islands

Und dann wird sorgfältig Schicht für Schicht abgegraben. Zuoberst Erde, dann Steine, dann etwas kleines Geröll und Schutt und dann wieder Steine. Und immer alles notieren, damit klar ist, wo man ist, in welcher Schicht. Das geht mal schneller, mal weniger schnell, je nachdem wie nahe der Supervisor ist, um Tipps zu geben. Mir gegenüber arbeitete Paul, ein selbständiger Profi-Archäologe aus York, der hier seine zwei Sommerferienwochen verbringt. Und Ian, auch aus York, der sonst Grabungen organisiert und managt und hier wieder mal dreckig werden wollte. Und ja, das Schüfeli ist nebst dem Trowel, dieser Mischung zwischen Maurerkelle und Spachtel, das wichtigste Instrument. Zum Glück hatte ich solches ja geschenkt erhalten!

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Nach kurzer Zeit wollte dieser Schafskiefer ans Licht. Wahrscheinlich aber nicht sehr alt. Und dann kamen immer mehr Knochen hervor, unverbrannt, also nicht von gegrillten Tieren (Hinterhof der Steinzeitmetzgerei?).

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Und bald entdeckte ich das erste Stück Töpferei. Kein Riesenstück, aber richtig alter Pot!

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Und dann kam der Regen und das Loch füllte sich mit Wasser

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Aber am nächsten Tag war ich unten, auf der gelben Lehmschicht, die anzeigt, dass darunter nur noch der vom Gletscher geschliffene Fels ist. Und auf diesem Lehm bauten die Steinzeitleute also das Gebäude und legten eine Mauer mit feinen Steinen, die unten gut zu sehen ist. Das zeigt aber auch, dass die grossen Steine, welche wahrscheinlich die Aussenseite der Mauer bildeten, von späteren Bewohnern für andere Zwecke aus der Mauer «geraubt» wurden. Deshalb ist der Verlauf schwer festzustellen. Der gelbe Pilz übrigens dient der Orientierung und zeichnet das Site-weite Koordinatensystem ab.

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Das da unten ist der Querschnitt gegen «meine» Mauer hin. Und da liegt ein runder Stein – etwa faustgross. Das ist oft verdächtig, denn mit runden Steinen baut es sich nicht gut. Als ich ihn dem Supervisor zeigte, meinte der lakonisch (er macht das seit langen Jahren), ja, das sei sicher ein Steinwerkzeug. Yep. Aber es muss im Querschnitt bleiben, da dieser sonst verloren geht, bevor er dokumentiert ist. Das holen wir dann nächstes Jahr raus, meinte er. Aber dann bin ich nicht …, nur meine Widerrede nützte nichts, das Ding blieb drin.

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Dafür fand dann mein Grabennachbar Stewart (einer der wenigen Orcadians hier) dann noch dieses schöne Set Schafsszähne. Also ob sich ein Schaf mit dem Unterkiefer auf dem Stein schlafen gelegt hat und dann einfach nie mehr aufgewacht ist. Auch diese Zähne blieben im Schnitt – und sind es noch heute.

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Neuer Tag, neuer Graben. In jener Woche konnte ich im Graben T mitwirken. Dieser wurde erst 2013 neu gegraben, da man darunter ein Grab vermutete. Heraus kam jedoch der grösste Abfallhaufen von Grossbritannien aus Neolithikum und Eisenzeit, und das ist bekanntlich Gold wert. Und am unteren Ende kam aber auch noch eine neue Struktur zum Vorschein, die sehr gepflegt gebaut war und vielleicht doch noch so etwas wie ein spezieller Ort war (immerhin war das Gebäude mit einer Drainage umgeben und mehrere Dutzend Quadratmeter gross und mit 2 Meter dicken Mauern versehen). Aber mehr wird man erst viel später wissen. Wahrscheinlich. Oder auch nie. Nun denn, der Trench hat seinen Ruf als Lieferant von vielen Funden und Geheimnissen. In den ersten Wochen waren doch viele Leute aktiv, die entsprechend viele Dinge fanden, darunter waren auch die amerikanischen Studentinnen. Diese kriegten deshalb viele Funde ab, während die einheimischen Studenten aus Inverness und Perth in anderen Gräben «Gartenarbeiten» verrichteten. Bis dann Matt und Kolleginnen auch mal rüber durften und er prompt nach einigen Stunden eine kleine Töpferei fand.

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Photo: UHI

Als er ganz stolz und aufgedreht zum Graben J rüberkam, um es seinen Kollegen zu zeigen, die wie ich damals einfach auf den Lehm runter gruben, war ihm die Eifersucht seiner Freunde sicher. Als er auch nicht sagen konnte, zu was sowas vor 5000 Jahren wohl hätte dienen können, meinte er seiner Kollegen, das sei wohl ein Hoden-Messgerät für Einjährige gewesen, um den Entwicklungsstand abschätzen zu können. Aber es ist wirklich ein hübsches Stück.

Also, da war ich also für zwei Tage in diesem Graben T und da dort die Touren auch halt machten, an denen pro Tag etwa 150 Leute teilnehmen, hörte ich dort drei Mal pro Tag die gleichen Witze. John, ein pensionierter Ingenieur aus Washington State, kannte die Pointe schon auswendig, da er immer in diesem Graben arbeitete. Mein Grabungsplatz war rechts bei den beiden Schubkarren.

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Photo: UHI

Und  neuer Supervisor, neuer Ansatz: Grabe mal runter und schaue, was passiert. – What could happen? – Nun, mache die obersten zwei inches weg und schaue, ob sich die Farbe verändert. – Würde ich das merken? – Ja, das siehst du. – Und dann? – Dann schauen wir mal, was passiert. So geht Archäologie für Anfänger. Ich war nicht sicher, ob ich immer sah, was passierte. Zum Glück hatte ich Nachbarn. Und John holte mal einen Stein zurück, den ich schon auf die Schutthalte geworfen hatte und meinte, dass man diesen behalten sollte, da Sandstein und sonst hier nicht vorkommend (ein sogenannter «foreign stone») und deshalb wichtig für die Auswertung und manchmal Indiz für Spezielles.

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Und Kathleen konnte mir immer sagen, wenn etwas Pot war oder einfach nur Stein. Sie konnte mir auch zeigen, wie man die Säckli beschriftet, die für die «small finds» benutzt werden: Datum, Grabennamen, Art des Fundes, Kontextnummer (in welcher Schicht also), Fundnummer (da sind wir nun bei laufender Zählung seit Grabungsbeginn vor 14 Jahren bei über 30’000 angekommen) und – gut für’s Ego – Initialen des Finders. Da liegen nun im Depot also auch einige Säckli mit D.B. beschriftet und enthalten Pot und Schlacke.

Und dann nagelt man diese Plastikpfeile in den Boden bis Beep 2 (also die Vermesserin) kommt und jeden Fund mit GPS vermisst und aufnimmt, sodass jeder Fund klar verortet ist. Das generiert so viele Daten, dass ich mich manchmal frage, wer die Zeit hat, diese alle auszuwerten. Aber dafür sind wahrscheinlich die langen Nächte im Winter hier gut.

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