Hier essen zwar alle gerne Tiere. Aber noch lieber tun sie etwas anderes damit: Streicheln. Ok, nicht alle Tiere. Schellfische, Lämmer, Jakobsmuscheln, Rinder, Spinnen oder Robben kriegen keine Streicheleinheiten. Dafür kriegen Hunde umsomehr davon ab. Alle lieben es, Hunde zu streicheln. Und mit ihnen zu reden. Meist geht es darum, dass der Hund ein lieber sei, da er sich ja streicheln lasse. Ob er denn Hunger habe, wo denn sein «Dad» sei, wie er wohl heisse, wieso er ein so schönes Fell habe und wie Recht er habe, das zu tun, was er gerade tut (schlafen, gähnen, bellen, Schwanzwedeln, kratzen, Nässe aus Fell schütteln … was Hunde halt so tun, also nichts viel Schlaues). Und schon ist die Startbahn gegeben, mit dem Hundebesitzer, so er oder sie denn in der Nähe ist, ein Gespräch zu starten: Ja, ich habe auch einen (bitte einsetzen: eine aus mindestens vier Worten zusammen gesetzte Rasse oder genealogisch differenzierte Beschreibung der Vorfahren des aktuell lebenden Hundes).
Neulich war ich auf einer Fähre, und ein Ehepaar hatte einen Hund dabei (so ein schwarzer wie die Blindenhunde). Dem Hund dauerte die zwei Stunde lange Schiffahrt wohl selber schon lange genug. Sie standen zu dritt, der Hund lag, auf einer kleinen Plattform draussen an der frischen Luft. Der Hund schaute ins Meer. Und keiner, also wirklich auch kein kleines Kind, alte Dame, der nicht dort vorbei lief, streichelte den Hund nicht. Sodass der jedesmal seinen Kopf drehen musste – er wollte ja die Wellen meditieren oder seine Seekrankheit verbergen – um zu schauen, wer oder was da sei. Ich stellte mir vor, der Hund habe hinter den Ohren ein schmerzhafte Warze (die Krätze, einen eierlegenden Floh, eine Zecke, you name it …), sodass jede Berührung dort schmerzhaft sei und der Hund – oder eben die Bitch – jedesmal gute Miene (grosse Augen, stehende Ohren, hecheln … was Hunde halt so tun, um etwas zu Essen zu kriegen) zum schlechten Streichelspiel machen musste.
Nun ist es so, dass in der Ausgrabung auch ein Hund zugegen ist, namens Bryn. Ein Border Collie, nicht mehr ganz jung (wir Hündeler unter uns sagen middle aged). Sobald irgendwo in der Nähe eine Bohrmaschine dreht oder sonstwas Mechanisches Lärm macht, flippt er fast aus. Was ich als einziger für eine Marotte oder einen nicht sehr schlimmen psychischen Defekt halte, finden (fast) alle anderen lustig, herzig, bemerkens- und erzählenswert. Daneben ist er Maskottchen (er gehört dem Site Director), Sozialtier (wenn er kommt, dann wird begrüsst und hm, ja, gestreichelt) und beliebtes Fotosujet (schliesslich war er in einer BBC-Doku über die Ausgrabung zu sehen). Obwohl er mich schneidet (ich rede ausschliesslich Schweizerdeutsch mit ihm, wenn er im Weg liegt), habe ich ein Foto geschossen. Von hinten.

Aber ja, ok, er ist ein netter Kerl, etwas verzogen, und trägt zur Unterhaltung bei. Noch mehr – und lieber – unterhalte ich mich aber mit Fraser, der 35 Jahre lang Lehrer war auf der Hauptinsel, alle und alles kennt und mit dem Inseldichter verschwägert war und auch manchmal helfen kommt.

Auch am Freitag, als ein Kameramann eigentlich ein Gespräch zwischen Chef und einer Gönnerin (ich glaube, es war ein Imagefilm für sie, sie macht Schmuck) filmen sollte, schaute das Objektiv in eine andere Richtung. Wahrscheinlich hat der Filmer auch einen … (bitte einsetzen: Rasse oder Stammbaum oder traurige Worte zum verstorbenen/überfahrenen/gestohlenen/verkauften/aus Streichelüberdruss geflüchteten Tierli).

PS. Ich habe es nur ein oder zwei Mal verpasst, zu fragen, wenn mir jemand seinen Hund aufdrängte, ob es ein Boy oder ein Girl sei, damit ich dann anschliessend das richtige Geschlecht verwenden konnte. Seither mache ich das immer. So heute, als ich einen alten Collie antraf, der sich durch Stube und Garten quälte. Ein Mädchen. Obwohl für einmal mit einem geschlechtsneutralen Namen, der aber seinem ihrem fortgeschrittenen Alter kaum mehr angemessen ist: Flash.
PS2. Ja, ich weiss, Katzenbesitzer gibt es auch. Kürzlich auf der Ausgrabung: Zwei treffen sich. Und zeigen sich nach 5 Minuten Fotos ihrer Katzen auf dem Mobile.
Pingback: Sunday on Sanday and Papay | Dominik on Orkney