Die Ausgrabungen am Ness of Brodgar dauern jeweils von Juli bis Ende August, jedes Jahr seit 2003, als diese Steinzeitsiedlung per Zufall entdeckt wurde: Die zwei Landbesitzer wollten einen neuen Garten anlegen und baten den Nachbarsbauern, den Boden zu pflügen. Dieser legte pflichtbewusst eine grosse Steinplatte an den Rand des Feldes, die er zutage pflügte – und fuhr davon. Am Abend dachten die Landbesitzer daran, alles anzuschauen und fanden eindeutige Zeichen, dass der Stein behauen war. Also riefen sie die Archäologen (so etwas würde ein Bauer hier nie tun, das bringt nur Probleme und Umtriebe …). Also nahm man an die Hand, was zu tun war: Sondierungsgrabungen. Von zehn kleinen Gräben zeigten neun eindeutige Spuren von steinzeitlichen Strukturen. Also wurde die University of Highlands and Islands eingeschaltet und dann später ein Trust gegründet, der die Obhut übernahm (und das Fundraising für die Grabungskosten für jede Saison, die jeweils rund 100’000 Pfund betragen, ohne Löhne). Seit fast hundert Jahren nahm man an, dass hier etwas verborgen liegt. 1925 fand man im Perimeter der heutigen Ausgrabung – auch beim Pflügen – diesen verzierten Stein, der seither im National-Museum in Edinburgh zu sehen ist:
Löhne allerdings gibt es keine, alle arbeiten ehrenamtlich, fast alles sind ausgebildete Archäologen (rund 70, die jeweils abwechslungsweise da arbeiten), sowie einige Master- und Postdoc-Studierende der Uni. Und einige lokale Freiwillige, die mithelfen mit der Infrastruktur darum herum (Shop, Führungen, Empfang, Parkplatz etc.). Darunter ich. Offenbar wollen da immer sehr viele Interessierte graben kommen, darunter ich. Aber es braucht qualifizierte Leute. Darunter ich nicht. Also kriegen fast alle Amateur-Enthusiasten eine Absage. Darunter ich nicht. Da ich gar nicht fürs Graben postulierte, sondern für einfach alles. Und da zwar viele Briten English, Englisch, Inglese oder Anglais sprechen, aber keiner Deutsch, Französisch oder Italienisch, nahmen sie das Angebot gerne an.
Nächste Woche werde ich ein einmaliges Job-Enrichment erleben: von nun werde ich Mittwoch und Donnerstags auch beim Graben helfen können resp. eine Einführung kriegen. Nun kann ich mein Werkzeug einsetzen …! Das ist super. Obwohl ein wenig nervös macht mich das schon: Wie unterscheidet sich Asche von Erde, was ist ein Klumpen und was ein Klumpen mit Töpferei drin? Schliesslich läuft hier jeden Tag viel mit Funden. Eine schöne Feuerstein-Pfeilspitze (Ray aus Nordirland, der im Wohnmobil lebt für die acht Wochen und fast jeden Tag auf einen anderen Parkplatz übernachtet, hat sie gefunden…). Oder auch wichtig, ein spezielle Töpferei (mehr dazu hier). Bei einer anderen Ausgrabung auf der Nachbarinsel haben sie vorletzte Woche eine römische Münze gefunden (mehr hier).
Derzeit mache ich mich also mal nützlich, wo möglich und nötig:

Begrüsse alle Leute und erkläre das Wichtigste, wenn sie vorbei kommen und schauen wollen, was die Archäologen tun. Und ja, schaue, dass sie sie sauber parkieren.

Schicke die Leute in den Shop und helfe dort und motiviere sie, doch etwas Geld in die Tonne zu werfen oder sonst zu spenden.

Nach jedem Regenschauer male ich das Schild da neu, oder motiviere die Nachbarskinder, es zu tun.

Dann bringe ich spezielle Gäste zu den Archäologen und Supervisors, die ihre Finds da in diesen Hütten putzen und reinigen und aufbereiten.

Schaue, dass die Besucher/innen aufs Gerüst kommen, nicht hinter die Absperrungen gehen, beantworte Fragen oder leite sie an besser Informierte weiter, unterhalte die Leute bis zur nächsten Führung und erkläre jeden Tag, woher mein Akzent komme und was ich denn da tue … dazu erkläre ich, wie man wohin kommt, wo die Pubs und WCs sind auf der Insel. Und dass Steinzeitler und Kelteninnen nichts miteinander hatten. Da 2000 Jahre dazwischen liegen.

Bewundere die Taxifahrer, die manchmal zwei Stunden auf ihre Gäste warten und im Auto dösen oder mit uns schwatzen oder auch mal was Schlaues tun.

Währenddem wird im Graben diskutiert (der mit dem Hut ist der Chef). Hier wird geplant, eine 5000 Jahre alte Mauer einzureissen. Zerstörung pur, also muss alles detailliert dokumentiert werden. Aber Archäologie sei sowieso Zerstörung der Bodendenkmäler, sagt der Site Director jeweils. Deshalb lasse man vieles lieber ungestört im Boden.

Und alles wird genau vermessen mit GPS und Satelliten und Funk und Strahlen und Röntgen und Atom und Pendel und viel Physik und den teuren Geräten. Deshalb werden die beiden, die das tun (eine Holländerin und ein Engländer) auch nur Beep 1 und Beep 2 genannt.
Da kommt ein neues Gebäude mit offenbar sorgfältig gearbeiteten Wänden hervor. Man nimmt an, dass die dafür verwendeten grossen Steine auch schon wiederverwendet wurden und zuvor, als Standing Stones, vielleicht in einem Steinkreis, dienten.
Und ja, natürlich fotografiere ich nur an schönen Tagen. Das Wetter kann aber auch anders. Aber davon ein anderes Mal.
