Seit es ein wenig besseres Wetter ist, sind die Fensterscheiben des Busses nicht mehr so beschlagen und ich sehe direkt was. Und da der Bus in der Nähe des Hafens durchfährt, weiss ich schon in der Früh, von welchem Schiff die Touristen heute sein werden. Kürzlich war die Queen Elizabeth da:

Aber die richtig dicken Brummer mit doppelt so vielen Passagieren (also zwischen 3500 und 4000) kommen dann nächste Woche. Wenn die Disney Magic da ist, wird der Hafen sogar für die Bevölkerung geschlossen, da es wegen der vielen Bussein- und ausfahrten zu gefährlich sei (überhaupt ist die Health und Safety Regulation hier für vieles die erste Begründung, die zur Hand ist; etwa so, wie wenn sich die Leute hinter «das ist ein laufendes Verfahren, dann kann ich nix zu sagen» verstecken). Das rief natürlich Leserbriefe und Anrufe bei der lokalen BBC-Radiostation hervor.
Das Gelbe, das da auf der Innenseite des Piers schwimmt, ist ein Stück eines (ausrangierten) Wellenkraftwerks, das die Inselregierung einer Firma kürzlich für 1 Pfund abgekauft hat (diese war wohl froh, die Entsorgung nicht selber organisieren zu müssen). Was sie damit machen wolle, war auch nicht sofort allen klar – wahrscheinlich auch nicht allen im Orkney Island Council – , aber im Zweifelsfall gilt auch hier: Das kann man immer mal wieder für was brauchen … In den nächsten zwanzig Jahren wird hier in der Nordsee einiges zur Entsorgung fällig. Dazu aber ein anderes Mal mehr.
Und wenn dann dieses Schiff da, die «Caribbean Princess» am nächsten Mittwoch seine 4000 Passagiere ausspuckt, dann wird wieder was los sein auf der Insel.

Aber langsam werden diese Schiffe hier auch sehr kritisch betrachtet, da sie den anderen Tourismus benachteiligen. In den letzten Jahren konnten eine Reihe von kleinen Unternehmen wachsen, die mit einem Minibus Leute rumfahren und Ihnen die Sehenswürdigkeiten zeigen und zu den interessanten Stätten fahren. Eine dieses Guides kommt mit seinen Gästen auch regelmässig bei uns bei der Ausgrabung vorbei (gestern mietete eine Person alleine seinen ganzen Minibus zum Preis von acht Personen …) und sagte mir, dass die Schiffahrtsgesellschaften mittlerweile schon ganze Kontingente Eintritte zum Beispiel für Maes Howe (eines der besterhaltenen Hügelgräber der Welt) für 2018 kaufen. Und damit den Guides resp. den Touristen, die nicht schon wissen, dass sie 2018 nach dem Einsatz ihrer dritten Hüftprothese und einem Zahnbleaching drei Wochen Kreuzfahrt buchen werden (wohin, ist eigentlich egal), so etwas wie Genuss in den Ferien, nämlich, dann eine Sehenswürdigkeit anzuschauen, wenn Lust und Zeit dazu vorhanden ist, verunmöglichen.
PS. Heute nahm mich ein pensionierte Agronomieprofessor des hiesigen Colleges im Auto mit. Die Bauern hier seien, wie viele andere Berufsgruppen, sehrsehr gespannt darauf, wie die werte Regierung in Whitehall den Brexit schaffe, da die Qualitätsrichtlinien und Subventionen der EU der Landwirtschaft hier zum Erfolg verholfen hätten (zum Beispiel mit Vorteilen gegenüber argentinischem Fleisch). Oder den Bau einer inseleigenen Molkerei, in der gut verkaufbarer Käse produziert wird, befördert hätten. Er befürchtet, dass es noch schwieriger werde, Nachwuchs für’s Bauern zu finden. Rund zwei Drittel ihres Einkommens müssten die Bauern hier auf dem freien Markt erwirtschaften. Das sei gar nicht so einfach, aber viele schafften es. Auch dank einigen Nebenjobs. Heute war in der Lokalzeitung «The Orcadian» ein Nachruf auf einen Verstorbenen von der Insel Papay Westray (90 Einwohner), der trug folgende Hüte: Pöstler, Auktionator, Chaffeur, Reeder, Flugfeldmitarbeiter, Taxifahrer, «Master of ceremonies» (da kann ich mir vieles drunter vorstellen …), Küstenwächter, Ladenhüterbesitzer, Guide, Pierwart, Friedensrichter, Laienpriester. Kein Wunder, war er eine Legende.