Es muss sein: nochmals John

Von ihm hatten wir es ja schon einige Male, da oder da. Und irgendwie ist noch nicht Schluss. Aber ist auch wirklich eine gute Geschichte. Also, es gibt hier auch eine John Rae Society, mehr dazu hier drüben. Aus dessen Vorstand habe ich in diesen Tagen Mark kennengelernt (die Society hat ein grosses Zelt, das wir für unseren Tag der offenen Tür an der Ausgrabung am nächsten Sonntag ausleihen können, und darüber kamen wir ins Gespräch). Die Society gibt es aus folgendem Grund: John Rae wurde als einziger der britischen Arktisforscher aus dem viktorianischen Zeitalter nicht zum Ritter geschlagen. Und hat keine Plakette oder Mahnmal, geschweige denn etwas Grösseres, in der Londoner Westminster Abbey, wo sonst liegt, was Namen und Range hatte – darunter eben auch Sir John Franklin, dessen Expeditionen im Norden Kanadas gescheitert waren und dessen Überreste dann Rae fand. Mark sagte, dass der «Sir» und die Anerkennung damals Rae vorenthalten wurden, weil die Witwe von Franklin – unter Mithilfe offenbar von Charles Dickens – nicht akzeptieren wollte (und da waren sie sicher nicht die einzigen), dass Franklins Mannen in der Not dazu übergingen, die gestorbenen Kollegen ins eigene Futter zu mischen. Christen essen keine Christen; aber die gefundenen Knochen waren aufgebrochen und wiesen Kratz- und Schneidspuren auf, die nicht von den einheimischen Inuit stammen konnten (was die britische Elite damals mit steifer Oberlippe zu behaupten beliebte), da diese damals nicht über Metallwerkzeuge verfügten. Und die Knochen stammten von Mitgliedern der Expedition, da sie ordentlich begraben wurden, mit den Tagebüchern als Grabbeigaben.

Nun, unabhängig davon, seit wann die Inuit Metall besitzen, auf alle Fälle setzt sich diese 2013 gegründete Society dafür ein, dass John Rae gerechter behandelt wird. Und das nicht ohne Erfolg: In der Westminster Abbey wurde vor drei Jahren eine kleine Gedenktafel an Rae angebracht (die Buchstaben sollen offenbar orkadischen Runen nachempfunden sein und der Sandstein ist dem der Kathedrale von Kirkwall ähnlich).

Dann hatten Mark und ich es ein wenig davon, dass Franklin, obwohl dann Rae die Nordwest-Passage schliesslich entdeckte, berühmter wurde. Der Kannibale kommt gut weg, währenddem derjenige, der den Kannibalen Kannibalen nennt, benachteiligt bleibt (Marks Einseifen hat genützt, merke ich grad). Dann machten wir noch unseren Literaturclub und besprachen «Barrow’s Boys», das diese Geschichte aufrollt. Und dieser Barrow (einer der Beamten in der britischen Admiralität, der seine Jungs in alle Welt, an die Mündung des Niger oder eben in die Arktis schickte) stammte aus Ulverston, einem Ort im Nordwesten Englands (Cumbria), an dem wir auch schon vorbeikamen. Und der Barrow hat sogar einen Turm gekriegt, obwohl die Mehrheit seiner Boys in der Ferne scheiterte und umkam, während er in warmer Londoner Amtsstube wahrscheinlich Stecknadeln in Weltkarten steckte.

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Und in Ulverston kam ein richtig Lustiger zur Welt (derjenige links):

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Der fand noch, kurz bevor er starb, die Kraft, seine Beerdigung folgendermassen zu organisieren: «Wer es wagt, bei meiner Beerdigung zu weinen, mit dem rede ich kein Wort mehr!»

Ob einige tausend Jahre zuvor die Menschen dort rund um Ulverston herum weinten, wenn jemand starb, weiss niemand. Aber die Zeugen ihrer Existenz stehen noch heute; der Swinside-Steinkreis ist ein schönes Zeugnis der jungsteinzeitlichen Zivilisation.

Swinside

Damit wäre der Bogen geschlagen zum neolithischen Herzen hier auf den Orkneys geschlagen. Das brauchte einen, zwei Taucher ins eigene Fotoarchiv.

PS. Suche den Büchel.

 

PS2. Wenn jemand ein gutes Rezept sucht, um die Küche/Wohnküche/Wohnung/Nachbarschaft/Stadt nachhaltig mit einem speziellen Geruch zu belasten, dann müsste ihr nur das tun, was ich am Samstag tat: Ihr nehmt zwei (oder mehr, wenn es um die Nachbarschaft geht) Filets geräucherten Schellfisches (Namensgeber für Haddock, der sich mit Tim und Struppi durch die Comics säuft). Diese brät ihr nach einem Rezept, das in einem lokalen Kochbuch zu finden war, 5 Minuten in ausreichend Butter. Dann giesst ihr einen halben Pint (aka Biermass für Damen) Milch dazu und lasst das 15 Minuten köcheln. Der Fisch kann dann raus, während die Sauce noch mit Mehl und etwas Senf gebunden wird. Schmeckt hervorragend und riecht ab dem nächsten Tag (bis etwa einen Monat vor dem jüngsten Gericht) abscheulich.

PS3. Wenn es rasch gehen muss, geht der Archäologe auch gerne mal mit gröberer Maschine dahinter. Scheint’s sei dieser Baggerführer da eine Legende auf den Inseln und könne so fein wie niemand sonst baggern.

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PS4. Und in der Schweiz? Zu jener Zeit, als diese Häuser hier im Ness of Brodgar gebaut und bewohnt waren, lebten die Menschen in der Schweiz vor allem an den Seeufern, teilweise in Pfahlbauten, züchteten Rinder und Schafe und Schweine. Und auch ein paar Gräber sind bekannt, sogenannte Dolmen; in Aesch oder Laufen hat es zwei, die wahrscheinlich gegen Ende der Steinzeit gebaut wurden. Wenige stehende Steine, Menhire, sind in der Westschweiz, im Neuenburger Jura und Wallis zu finden. Die sind aber längst nicht so beeindruckend wie diejenigen hier.

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