Liebe Kimberley,

ich weiss nicht genau, was du auf diesen Inseln getrieben hast, aber es muss bemerkenswert gewesen sein. Also Kimberley (oder warst du eine Kimberlee, Kimberleigh, gar eine Kimberli?), warst du die Muse des Inseldichters, die Erfinderin der omnipräsenten Windräder, die Materialwartin des uns bereits sattsam bekannten John Rae, die ihm auch (resp. vor allem) im hohen Alter die Seehundfellschuhe weichkaute (geht besser ohne Zähne), eine der vielen Hexen (die hier wie überall schnurzgerade in den Tod gerichtsverhandelt wurden), die Golfstrom-Loreley, welche Steuermänner und Matrosen in den Tod an den Klippen sang, die Hirtin des besten Schafsbocks, die Käserin von Westray mit dem geräucherten Cheddar-Cheese (sehr empfehlenswert), die Promotorin des Gezeitenkraftwerks, die Erfinderin des Tagestourismus für Kreuzfahrer, die Hauptgesuchstellerin aller EU-Subventionsanträge, derentwegen hier all‘ die blauen Tafeln dem Wind trotzen (oder auch nicht), die Unschuld vom Festland, die Maid, die in den hingekritzelten Runen besungen wird, die Fachfrau mit dem Blick für die richtige Ernähung in den Lachszuchten, die Schafszüchterin, die entdeckte, dass Schafe dann das beste Fleisch geben, wenn sie Algen und anderes Meeresgemüse fressen (und deshalb eine der Inseln – North Ronaldsay – mit einer fast zwei Meter hohen Trockenmauer umgeben liess, die zuerst die Schafe vom Meer fernhalten sollte, danach aber und bis heute dafür sorgt, dass die Schafe nichts anderes zu fressen – und zu sehen – bekommen als Tang, Tand und Sand, weil sie nun im 10 Meter breiten Band zwischen Wasserlinie und Mauer leben), die Ingenieurin, die die Ölpipeline von den Nordseeölfeldern auf die Insel Flotta plante, wo nun die Supertanker Halt machen, um … (ist ja fast peinlich) zu tanken oder warst du einfach die Kimberley, die den Matrosen ihre Braut war, wenn ihre Schiffe hier im Hafen ankerten?

Aber wer weiss, vielleicht ist es auch komplizierter. Oder auch nicht. Vielleicht warst du ein Kimberly. Oder ein Kim. Vielleicht warst du auch gar nie da. Sondern tauchst einfach  auf der Webseite http://www.howtonamemyhouse.co.uk auf und bist dort der Default für die Internet-Surfenden der Orkney-Inseln, die dann (wegen der – kürzlich offiziell bestätigten –  langsamsten Breitbandverbindung im UK) einfach nicht über „K“ hinauskommen. Und dann heissen halt einfach deshalb viele Häuser Kimberley und nicht Lighthouse, Maidenbed, Newhaven, Otter’s Rest, Polarsun, Quarry Entrance, Ravensnest, Seaview, Twatt, Upper Hillside, Vintage Tractors for Sale, Windward Cottage oder Zorro’s Revenge. Und das, obwohl dem Schotten und der Schottin ihr Home ja auch ihr Castle ist, wovon all‘ die vielen, tja, Einfamilien-Homes zeugen, die in der Landschaft, am Loch, am Meer, an der Strasse (ja, gerne an der Strasse), auf dem Hügel oder im Moor (Schilf ist hier nicht mehr) stehen.

PS. Heute nahm ich den Bus ins Inselinnere (ich hatte eine Sitzung, was nur halbwegs Sabbatical-konform ist, aber die war im Grabungszentrum, wo sich … aber diese Geschichte dann im zweiten PS), also, ich bat den Busfahrer, bei der und der Strassenkreuzung anzuhalten, was er dann tat, weil es dort sowieso eine Haltestelle hatte (das passiert mir nicht nochmal … keine Ahnung, was der Chauffeur dachte, wahrscheinlich sowas wie ‚putain de smartass‘, dem Akzent nach war er Franzose). Nun, die Haltestelle heisst Ice Cream Parlour, und ich entdeckte, dass die Haltestelle nicht aus ähnlich skurrilen Gründen wie viele Häuser Kimberley heissen, so genannt wird, sondern, dass es dort tatsächlich Glacé zu kaufen gibt: Im Moor ein rosarot eingerichtetes kleines Lokal mit fünf Sorten Glacé, hier gemacht mit hiesiger Milch. Und das beste habe gar kein Aroma, sagte mir Miss-Ice-Cream-Parlour. Klar, schmeckt aber wie Vanille. Und so wanderte ich Richtung Ausgrabungsstätte mit einer Kugel Glacé und dem Wind im Genick (nur der Wind).

PSPS. Dort an der Sitzung trafen sich also einige Archäologen, darunter der Chef, und meine Chefin von der Orkney Archeological Society und die Scottish Heritage Rangers im kleinen Haus neben der Ausgrabungsstätte, und man sass auf Stühlen und auf dem Boden in einem Raum, der kleiner ist als meine Küche-Esszimmer-Lounge, und lachte alle drei Sekunden über Witze, die fast alle ausser mir verstanden. Dabei ging es drum, den Besucherfluss zu organisieren, Führungen abzumachen, die Unterlagen auf den Stand zu bringen und Aufgaben zu verteilen. Alles sehr sympathische Leute. Draussen mähte der Bauer mit einer Riesenmaschine die Wiese. Dieser Augenblick, als alle Archäologen aus dem Fenster schauten, den Atem anhielten, und aufatmeten, als Traktor und Maschine haarscharft am Standing Stone, der seit 5000 Jahren dort steht, vorbeigerast ist, das hätte man filmen müssen (hat aber natürlich wieder keiner getan).

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3 Kommentare zu “Liebe Kimberley,

  1. Pingback: Kimberley zum Letzten | Dominik on Orkney

  2. Pingback: Verdammt nochmal, Kimberley …! | Dominik on Orkney

  3. Mein Lieber
    herzerfrischend komisch _ ich habe mich blendend amüsiert. Hör bloss nicht auf – macht zuviel Spass und Lust das Buch zu lesen. Vielen dank

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